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70 Jahre Stadtbücherei


Von Peter Kiefer

(Peter Kiefer, Diplom-Bibliothekar, ist Mitarbeiter der Stadtbibliothek Ratingen. Der Text wurde in DIE QUECKE Nr. 59/1989 abgedruckt.)


Am 15. Dezember 1989 wird die Ratinger Stadtbücherei offiziell 70 Jahre alt. Im Sitzungsprotokoll der Stadtverordneten-Versammlung vom 12.12.1919 heißt es wörtlich:
"Das Angebot des Bergischen Vereins für Gemeinwohl (Ortsgruppe Ratingen), seine Bibliothek der Stadt kostenlos zu übergeben, falls die Stadt den Gedanken verwirklicht, eine städtische Bibliothek einzurichten, wurde angenommen."

Die Sitzung musste allerdings abgebrochen und um drei Tage verschoben werden, da wegen einer stundenlangen Geschäftsordnungsdebatte die vorgesehene Tagesordnung nicht erledigt werden konnte. Ganze sechs Jahre lagen zwischen dem Antrag des Bergischen Vereins für Gemeinwohl (-BVG-, er war ein von gutsituierten Bürgern unterstützter Verein) auf Übernahme seiner Volksbibliothek durch die Stadt Ratingen und dem oben genannten Beschluss, obwohl die Stadt bereits 1913 ihre Bereitschaft dazu durch Bürgermeister Jansen (gleichzeitig 1. Vorsitzender der Ratinger Ortsgruppe des BVG) signalisierte. Als der Verein 1913 seinen Antrag formulierte, bestand die Volksbibliothek bereits im 7. Jahr.

Am 1. April 1906 war auf Initiative des Rektors Adam Josef Cüppers die Bücherei des BVG mit einem Bestand von 178 Bänden eröffnet worden. Zwar gab es in Ratingen bereits seit 1854 den Katholischen Leseverein und später noch andere Lesezirkel, doch kamen diese nur einem begrenzten Leserkreis zugute. In der Zeitschrift "Gemeinwohl" des BVG führte Lehrer P. Lankes, der die Bücherei als Bibliothekar betreute, aus, welche Absichten man mit der Gründung der Volksbücherei verfolgte:

"Was geschaffen werden musste, war eine Bücherei, die die besten und volkstümlichen Werke unserer Literatur allen Bevölkerungsschichten zugänglich machte. Konfessionelle Gegensätze durften demnach nicht berührt und vor allem musste die Einstellung solcher Bücher vermieden werden, die in sittlicher Beziehung zu Bedenken Anlass gaben. Daneben durfte die Benutzung keine Geldopfer auferlegen, so daß wegen der Kostenfrage niemand zurückbleiben brauchte."


Eine Lesekarte kostete damals 5 Pfennig für 1 Jahr, daneben gab es ein Büchereiverzeichnis für 10 Pfennig und sofort einen übersichtlichen Zettelkatalog. (Zum Vergleich: der Arbeiter-Akkordlohn in der Spinnerei Cromford betrug 2,66 Mark pro Tag; 1 Pfd. Speck kostete 80 Pf.; 1/2 Pfd. Margarine 60 Pf. bis 1 M.; 1 Ei 10 Pf.).
Bereits nach wenigen Monaten brachte der große Andrang von Lesern die neu gegründetete Bücherei in arge Bedrängnis, denn der Verein, auch anderweitig sozial engagiert, von Spenden und Mitgliedsbeiträgen getragen, war nicht in der Lage, sofort wieder neue Mittel bereitzustellen.

Man wandte sich an die Gesellschaft für Volksbildung in Berlin, die der Ratinger Volksbücherei daraufhin brauchbare Bücher gegen eine geringe Jahresgebühr überließ. In der Folgezeit erhielt der Verein zusätzliche Unterstützung durch die als "Verstärkungsbibliothek" für die kleinen Bestände der Gemeindebüchereien angesehene Kreiswanderbücherei des Landkreises Düsseldorf. Fachliche Beratung erteilten ab ca. 1911 die Staatlichen Beratungsstellen in Elberfeld, später Düsseldorf. Außerdem übermittelte der Landrat jährliche Zuschüsse zwischen 75 und 150 Mark.

Bis 1913 wuchs der Buchbestand von Jahr zu Jahr auf ca. 1000 Bände an. Die stetig steigenden Aufwendungen für die Bibliothek konnten aus den Mitteln des Vereins nicht mehr bestritten werden. Das "Düsseldorfer Tageblatt" notierte am 25.4.1928 rückblickend:

"Auch die Benutzung war bedeutend und umfangreicher geworden. Allein im Jahre 1913 wurden 7000 Bücher entliehen."


Die bis 1919 in Rektor Cüppers' Amtszimmer untergebrachte Bücherei verlor in den Kriegsjahren eine Menge Bücher. Außerdem löste sich die Ratinger Ortsgruppe des BVG auf. Ein neuer Träger musste also gefunden werden, um den Fortbestand der Bücherei zu sichern, denn der Lesehunger der Ratinger Bevölkerung war ungebrochen. Von einer geregelten Ausgabe von Büchern nach der Übernahme der Bibliothek durch die Stadt konnte jedoch zunächst nicht die Rede sein.
Während der Kriegs- und Nachkriegsjahre ging es der Ratinger Bevölkerung sehr schlecht, obwohl die großen Ratinger Unternehmen noch bis zum völligen Zusammenbruch im Jahre 1923 mit Gewinn arbeiteten. Die Arbeitslosigkeit nahm ständig zu. Die Ernährungslage großer Bevölkerungsteile war katastrophal und konnte nur durch die Errichtung von Volksküchen verbessert werden. Auf Grund dieser schwierigen ökonomischen Bedingungen und der auf den 1. Weltkrieg folgenden politischen Kämpfe standen die Probleme der Volksbücherei hintenan.

Die Bücherei war in verschiedenen Räumen untergebracht, verschwand schließlich für ein Jahr ungenutzt auf dem Speicher des Sparkassengebäudes, wodurch viele Bücher beschädigt wurden und verloren gingen. 1923 beklagte Lehrer Schleuter als Bibliothekar gegenüber der Stadt die räumliche Enge der Volksbibliothek im Schulgebäude in der Minoritenstraße. Das Antwortschreiben der Stadtverwaltung weist aber keine anderen geeigneten, zweckentsprechenden Räumlichkeiten auf.
Erst im Jahre 1924 konnte der Ausleihbetrieb mehr schlecht als recht wieder aufgenommen werden. Ein eigener Raum stand der Bücherei indes noch immer nicht zur Verfügung. Erstmalige Erwähnung im Verwaltungsbericht der Stadt fand die Volksbibliothek 1923/24 unter der Rubrik "Volksbildungswesen" mit nur einem Satz

. "Der hiesigen Volksbibliothek konnten trotz der finanziellen Schwierigkeiten einige neue Werke zugeführt werden."


Doch selbst nach erhöhten Zuschüssen der Stadt in den darauffolgenden Jahren waren die Bestandslücken der Bücherei unübersehbar. Erst 1927/28 ging es wieder langsam bergauf. Die Öffnungszeiten wurden verlängert. Es gab eine neue Leseordnung und ein aktuelles Bücherverzeichnis, so dass die Bücherei schließlich wieder mehr Leser gewann. Immerhin tätigten die 374 registrierten Leser insgesamt etwa 7000 Entleihungen. Der Buchbestand betrug 1928 etwa 1500 Bände.

1929 erschien erstmals die
- zwanglose Blätter für die Benutzer der Städtischen Volksbücherei", die neben Leseempfehlungen ebenso literaturtheoretische Informationen verbreitete. Herausgeber war der kulturell, pädagogisch und politisch sehr engagierte Büchereileiter Adam Josef Cüppers, seit 1921 Ehrenbürger der Stadt Ratingen.
Cüppers, hauptberuflich Rektor der Volksschule, darüber hinaus Leiter der Volkshochschule (1920 gegründet) und der Berufsschule sowie Ratsmitglied, schrieb u.a. einige historische Romane und Jugenderzählungen, die ihn über Ratingens Grenzen hinaus bekannt machten. Fast 30 Jahre lang bestimmte Cüppers maßgeblich innerhalb der von außen eng gefassten finanziellen und räumlichen Bedingungen die Entwicklung des Ratinger Büchereiwesens.

Am 1. August 1933 musste die Städtische Volksbücherei schließen. Seit mehr als drei Jahren waren ihr keine Mittel mehr zur Verfügung gestellt worden, 400 schadhafte Bücher rissen eine große Lücke in den Buchbestand. War es Cüppers noch gelungen, das Ausleihniveau der Bücherei trotz der großen Schwierigkeiten bis etwa 1932 zu halten, so musste er ein Jahr später aufgeben.
1934 legte Cüppers gegenüber der Staatlichen Büchereistelle die katastrophale wirtschaftliche Situation Ratingens dar, da mehrere Fabriken, auch Großbetriebe als Folge der Wirtschaftskrise schließen mussten, und beantragte einen Zuschuss für die Bücherei. In einem Schreiben betonte Küppers die Wichtigkeit der Volksbücherei. Er verlangte aufgrund der "staatlichen Umstellung auf allen Gebieten Aufklärung des Volkes über ihre Gründe und Ziele". 1935 legte Küppers, 85-jährig, offiziell aus Altersgründen die Leitung der Volksbücherei nieder.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurde neben vielen anderen Bereichen auch das staatliche Büchereiwesen neu organisiert. Mit einem staatlichen Erlass von 1934 hatten alle Volksbüchereien ihre Büchereiverzeichnisse zur Überprüfung an die Staatlichen Beratungsstellen zu senden. Neuanschaffungen durften nur mit offizieller Genehmigung dieser Zensurbehörde erfolgen. Die "preußischen Grundlisten", in der Zeitschrift "Die Bücherei" und im "Amtlichen Schulblatt" veröffentlicht, legten den Büchereileitern die Anschaffung von nationalsozialistischer Literatur nahe. Außerdem wurden amtliche "Schwarze Listen" mit verbotener Literatur verbreitet.

Am 1.7.1935 erfolgte in Ratingen die Wiedereröffnung der Bücherei im Erdgeschoss des Rathauses. Die Leser, es waren 511 angemeldet, konnten für eine Gebühr von 3 Pfennig (Jugendliche 1 Pfennig) pro Buch dort ausleihen (Zum Vergleich: der durchschnittliche Brutto-Arbeitslohn in der Ratinger Eisenhütte betrug 30 RM pro Woche.)
Der Verwaltungsbericht der Stadt Ratingen vermerkt außerdem dazu: "Der Buchbestand wurde durch nationalsozialistisches Schriftgut wesentlich ergänzt. Am Ende des Berichtsjahres betrug die Zahl der vorhandenen Bände 2510."
Von den ehemals 1500 vorhandenen Büchern waren vorher insgesamt 700 Stück ausgesondert worden. Innerhalb des Jahres 1935 hatte sich der Buchbestand also mehr als verdreifacht bei einem Etat von 1108 RM. Dies verdeutlicht die enormen Anstrengungen, die die Nationalsozialisten unternahmen, um die Bücherei für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Nach dem Rückzug Cüppers, von dem man annehmen kann, dass er dieses nicht mittragen wollte, übernahm ein Verwaltungsangestellter und Parteimitglied die NSDAP die Leitung der Bücherei, zuerst nur stundenweise, ab 1936 ganz. Er hatte den Bestand der Bücherei zur Wiedereröffnung zusammengestellt, u.a. wurde ein Bücher-Abonnement der Ratinger NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" übernommen, was die übergeordnete Staatliche Büchereistelle im Nachhinein aus bibliothekarischen Gründen nicht befürwortete. Zu vorschnell hatte man bei der Stadt wohl diese Möglichkeit der Buchbeschaffung aufgegriffen, denn jeder Titel aus diesem Paket war dreifach vorhanden. Die Staatliche Büchereistelle ersetzte schließlich alle Doppelstücke und konnte diese nun an andere Büchereien weitergeben.
Im Laufe des Jahres 1936 stieg die Benutzung der Bücherei derart an, dass man beschloss, für die Ausleihe und Beratung ehrenamtliche Hilfskräfte zu bestimmen. In Ratingen waren dies hauptsächlich Lehrer. Gleichzeitig setzte die Stadt damit eine Forderung der NSDAP-Kreisleitung Niederberg um, die u.a. auf die Förderung der Buchberatung und auf geeignetes Büchereipersonal einging.

Bis zum Jahre 1939 erhielt die Bücherei schließlich bis zu 2000 RM für ihren Buchetat jährlich, so dass sich der Bestand auf fast 4000 Bände erhöhte, der von ca. 900 Lesern genutzt wurde.
Wie andere Bibliotheken Niederbergs nahm auch die Ratinger Bücherei an der alljährlichen überregional geschalteten "Woche des deutschen Buches" teil. Von Presseveröffentlichungen begleitet, sollten diese auf die Funktion der Volksbücherei als "nationalsozialistische Schulungsstätte" aufmerksam machen. Die NSDAP-Kreisleitung Niederberg formulierte das so: "Gegenüber der Schulung und der tendenziösen Versammlung im guten Sinne ist die Volksbücherei eine Propaganda eigener Art ...." Die Städtische Nachrichtenstelle warb 1937 dementsprechend damit, dass "in der Städtischen Volksbücherei das beste nationalsozialistische Gedankengut geboten" werde.

Enthielten die Büchereiverzeichnisse ab 1933 neben naziverherrlichenden Schriften auch einige andere mehr oder weniger unverfängliche Werke unterhaltenden Charakters wie z.B. Heimatromane, so wurde kurz nach Kriegsausbruch 1939 vom Deutschen Gemeindetag folgende Richtschnur gezogen: "Die Volksbüchereien sind in nächster Zeit als Stützpunkte für den Einsatz von Büchern, die die Wehrkraft stärken und über die Absichten unserer Gegner aufklären, unentbehrlich."
Politische Broschüren sollten verstärkt verbreitet werden. Büchereien wurden als Mittel der staatspolitischen Führung und Beeinflussung, wie auch der Ablenkung und Entspannung betrachtet, das Buch als "Mittel zum Sieg".
Angesichts dieser ungeheuren staatlichen/politischen Vorgaben und Zensurmaßnahmen vor dem Hintergrund der Nazi-Ideologie genoss das Volksbüchereiwesen eine höchst fragwürdige Aufwertung.
Ob dies schließlich dazu führte, dass die Ratinger Bücherei endlich neue und angemessene Räume erhielt oder ob das im Rathaus vorhandene Büchereiprovisorium anderen Aufgaben aus Platzgründen weichen musste, vermag ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls wurde am 26. Oktober.1941 die neue Städtische Volksbücherei mit einem Buchbestand von 4500 Bänden in der (früher Horst-Wessel-Straße) von Rektor Ernst W. Winternheim, dem neuen Büchereileiter, ihrer Bestimmung übergeben. In seiner Rede bewertete Winternheim den Umzug der Bücherei mitten im Krieg als Ausdruck des "ungeheuren Kulturwillen(s) unseres Volkes". Es zeige aber auch, dass ein eigenes Kulturleben in unserer Stadt lebendig sei.

Während der letzten Kriegsjahre konnte die Bücherei trotz allgemein zu beklagender Papierknappheit ihren Buchbestand noch einmal kontinuierlich steigern. Bei Kriegsende zählte man immerhin 7600 Bücher.
Nachdem sie in den Wochen der letzten Kriegshandlungen und während des Zusammenbruchs geschlossen war, wurde die Stadtbücherei bereits am 1. Juni.1945 im selben Haus wiedereröffnet.
1400 Bände nationalsozialistischer Literatur waren ausgesondert worden. Weitere 400 Bände gingen Lesern durch Kriegseinwirkung verloren. Aufgrund des allgemeinen Notstands war eine Ergänzung des Bestandes kaum möglich. Das Büchereiteam, Hilde Gerster und Anton Drexler, versuchte mit einem Appell an die Leser, Bücher zu verkaufen oder zu schenken, einige Neuanschaffungen für die Bücherei zu ergattern.
Die Staatliche Büchereistelle für den Regierungsbezirk Düsseldorf sagte zwar 1946/47 Bücherzuteilungen an die Büchereien in der britischen Besatzungszone zu, doch insgesamt erhöhte sich in Ratingen in den folgenden Jahren der Buchbestand nur unwesentlich. Obwohl viele Bücher inhaltlich überholt sein mussten und vor allem durch die vielen Entleihungen kaum noch buchbinderisch zu reparieren waren, zeigte die Ausleihstatistik bis 1947 eine deutlich steigende Tendenz.

Während die Jahresausleihe 1945 noch 26907 Entleihungen betrug, stieg sie 1948 auf sage und schreibe 51041. Die Leserzahl blieb in diesen Jahren nahezu konstant bei ca. 1400.
Frau Gerster wies in den Jahresberichten immer wieder auf das Missverhältnis zwischen dem unzureichenden und veralteten Bestand und dem großen Leseandrang aus allen Bevölkerungsschichten hin. Sie beklagte u.a. den Mangel an Kinder- und Jugendbüchern, so dass sie eine große Anzahl Jugendlicher ohne Bücher wieder nach Hause schicken musste.
Diese Altersgruppe (bis 14 Jahre) stellte bis 1950 immerhin 20% der Leserschaft dar und ihr Anteil vergrößerte sich in den 50er Jahren immer mehr. Bereits 1953 regte Frau Gerster die dringend nötige Schaffung einer Kinder- und Jugendbücherei an. Auf die Realisierung ihres Wunsches mussten sie und die jungen Leser allerdings noch bis zum 16. Oktober1961 warten. In einem zusätzlichen Raum in der Bahnstraße 10 wurde die neue Jugendabteilung als Freihandbücherei eröffnet, nachdem die Staatliche Büchereistelle aus den Mitteln des Landesjugendplans eine Beihilfe bewilligt hatte.
In der Zwischenzeit begann man mit der intensiven Erschließung des übrigen Bestandes mit Druckkatalogen (z.B. für Romane und Erzählungen), die die Leser mit nach Hause nehmen konnten. Den Lesern war es damals nicht wie heute gestattet, Bücher direkt am Regal auszuwählen. Die früher praktizierte Form der Thekenbücherei machte dies unmöglich. Das Beratungsgespräch stand bei dieser Ausleihmethode im Vordergrund. Die Büchereimitarbeiter und Leser bedienten sich zur Buchauswahl eines Zettelkatalogs, in dem alle Titel alphabetisch nach Verfassern aufgeführt waren. Spezielle Leserwünsche konnten nur selten mittels Fernausleihe aus anderen Büchereien befriedigt werden.

Am Ende der 50er Jahre war ein Bestand von ca. 10000 Bänden erreicht. Außerdem verfügte man seit 1948 über eine Reihe von Zeitschriften. 1960 visierte Frau Gerster für Ratingen mit der damaligen Einwohnerzahl von 40000 Menschen einen Zielbestand von 20000 Bänden an. Aus dem städtischen Schriftverkehr geht hervor, dass in Ratingen ein großer Nachholbedarf für die Stadtbücherei bestand. Der Buchbestand hatte sich seit 1945 noch nicht einmal verdoppelt. In früheren Jahren hatte Frau Gerster bereits dringend fällige Änderungen für die Bücherei angeregt, wie eine räumliche Verbesserung, eine Umstellung der Ausleihmethode und weitere Katalogisierung, denn vor allem der Sachbuchbereich und der Bedarf danach wuchs und wurde immer differenzierter. Dass in dieser Situation 1961 im Stadtrat ernsthaft über eine Förderung der vielen kleinen kirchlichen Büchereien debattiert wurde, deren gemeinsamer Buchbestand den der Stadtbücherei knapp übertraf, erscheint mir deshalb heute bibliothekspolitisch fragwürdig. Die bloße Addition der in Ratingens Büchereien vorhandenen Bücher, die zwar den obengenannten Zielbestand insgesamt erreichte, kann nicht eine nach bibliothekarischen Gesichtspunkten aufgebaute Bibliothek gleicher Größe ersetzen.

Im August 1967 wurde die Bücherei in der Bahnstraße für mehrere Monate geschlossen, um in das ehemalige umzuziehen. Am 22.Februar 1968 wurde sie dort erstmals komplett als Freihandbücherei wiedereröffnet. Die Leser hatten nunmehr also die Freiheit, selbstständig Bücher direkt am Regal auszusuchen. Allerdings nur bis zum Juli 1970, denn eine erneute Schließung und Auslagerung stand bevor. Die äußerst knappe materielle Unterstützung, die langen Schließungszeiten und die provisorische Unterbringung vermitteln heute den Eindruck einer nur geringen Wertschätzung der Bücherei, denn die Suche nach einem neuen Domizil dauerte mehr als zwei Jahre. Dann stand fest, dass die neue Bücherei ihren Betrieb in zentraler Lage im historischen Bürgerhaus am Markt aufnehmen sollte. Am 29. Februar1972 brach in der fast fertiggestellten Bücherei nach Schweißarbeiten aus, so dass sich der endgültige Eröffnungstermin auf den 10.11.1972 verschob. Nach den Schwierigkeiten in der Nachkriegszeit entwickelte sich die Stadtbücherei von nun an positiv. Neue Mitarbeiterinnen nahmen ihren Dienst auf, u.a. Ilse Henning, die die bibliothekarische Leitung der Jugendbücherei übernahm. Die Anschaffungsmittel und Landesbeihilfen wurden erhöht. Die Ausleihe war gebührenfrei und der Bestand (damals ca. 20000 Bände) und die Nutzung wuchsen weiter stetig an.

Die kommunale Neugliederung zum 1. Januar 1975 stellte die Stadt Ratingen durch die Eingemeindung mehrerer umliegender Gemeinden auch vor neue bibliothekarische Aufgaben. Es wurde sofort der Ist-Stand aller öffentlichen Büchereien, der städtischen und der kirchlichen, in Ratingen ermittelt und in einer Investitionsplanung den Forderungen grundsätzlicher Bibliothekspapiere wie dem "Bibliotheksplan 1973" gegenüber gestellt, die bestimmte Richtzahlen für die Versorgung der Bevölkerung mit Medien nannten, aber nicht die Träger vorschrieben. So kam man in Ratingen zu dem Schluss, möglichst alle öffentlichen Büchereien, die kommunalen und die kirchlichen, zu einem kooperativen Büchereisystem zusammenzufassen, wobei man von den Grundsätzen der Selbstständigkeit und Freiwilligkeit ausging, um die Versorgung der Bevölkerung mit Büchern und anderen Medien in allen Stadtteilen zu sichern und die Bestände aller Büchereien sinnvoll zu nutzen.
Die ehemaligen Gemeindebüchereien in Hösel, Homberg und Eggerscheidt wurden von der Stadt Ratingen mit der bestehenden Stadtbücherei zu einem städtischen Büchereisystem verbunden. Am 15. März 1976 kam dazu noch die neu eingerichtete Lintorfer Zweigstelle.
Die Vereinbarungen zwischen den städtischen und kirchlichen Büchereien bescherten den Ratinger Bürgern einen kostenlosen Leseausweis, mit dem sie alle öffentlichen Büchereien benutzen konnten, sowie einen Zentralkatalog der Erwachsenenliteratur in der Büchereihauptstelle am Markt und einen dadurch ermöglichten innerstädtischen Leihverkehr zusätzlich zur Fernleihe.
Nachdem Hilde Gerster nach jahrzehntelanger aktiver Arbeit für die Ratinger Stadtbücherei 1977 in den Ruhestand trat, übernahm Margret Hoffmann die Leitung.

Im Oktober desselben Jahres beschloss der Rat der Stadt einen Neubau für die Hauptstelle der Stadtbücherei, mit dessen Realisierung 1990 gerechnet wird.
Außerdem nahmen Planung und Fertigstellung der neuen Zweigstelle im zweitgrößten Stadtteil Ratingen West mehrere Jahre in Anspruch. Es fehlten dort jahrelang wichtige Einrichtungen der sozialen und kulturellen Grundversorgung für die dort lebenden 20000 Menschen, darunter über 4000 Kinder und Jugendliche. Am 14. Januar 1984 wurde mit der Eröffnung der Stadtteilbücherei Ratingen West endlich eine weitere Lücke im Ratinger Bibliotheksnetz geschlossen.
1979 bekam die Stadtbücherei Ratingen den Status einer Mittelpunktbücherei für den nördlichen Kreis Mettmann und erhielt damit überregionale Aufgaben. Gleichzeitig flossen vermehrt Landesmittel zur Anschaffung von Medien für den gehobenen Bedarf.

Seit dem 1. Oktober 1985 gehört die Verwaltungsbücherei als Spezialbibliothek zur Stadtbücherei.
Die Veränderung der Medienlandschaft, die über das Medium Buch hinausgehende Informations- und Unterhaltungsbedürfnisse in der modernen Gesellschaft ausdrückt, schlug sich seit Mitte der 70er Jahre im erweiterten Medienangebot der Bücherei nieder. Darum enthält der Bestand der Stadtbücherei-Hauptstelle und ihren vier Zweigstellen längst nicht mehr nur Bücher und Zeitschriften. Heute findet man hier außerdem Zeitungen, Toncassetten, Spiele, Videocassetten, Compact Disks und Computer-Disketten, und zwar insgesamt 125.000 Medieneinheiten.
Dies bedeutet eine Verdoppelung des Bestands in den letzten 10 Jahren. Gegenüber 1979 bei 25.7000 Entleihungen wird es, nachdem in den letzten beiden Jahren die Halbmillionen-Grenze überschritten wurde, eine weitere Steigerung der Gesamtausleihe (Anteil der Zweigstellen ca. 50%) geben. Die erfreulichen Ausleihergebnisse sollten allerdings nicht die Tatsache verschleiern, dass solch wichtige, zeitintensive und auf Dauer unerlässliche Maßnahmen der Leseförderung, Literaturvermittlung und der Medienpädagogik wegen Personalmangels selten durchgeführt werden können. Immerhin schaffte es die Bücherei in den letzten Jahren trotz alledem, einige erfolgreiche Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene zu organisieren. Bekannte Autor-inn-en wie Raissa Orlowa-Kopelew, Anja Meulenbelt, Fakir Baykurt, Yüksel Pazarkaya und Valentin Senger konnten für Lesungen gewonnen werden. Aber auch Ratinger Autor-inn-en wie Hans Werner Flesch, Helga Fleischer, Erwin Wuillemet, Lore Schmidt, Margot Weweler, Gisela Schöttler und Horst Landau stellten sich vor.

Die 1978 begonnene Öffentlichkeitsarbeit müsste jedoch in der Zukunft intensiviert werden, besonders für Kinder, die nicht nur wegen der oben erwähnten Medienvielfalt verstärkter bibliothekarischer Aufmerksamkeit bedürfen, sondern sich auch als ein überaus dankbares Publikum erweisen.
Im alten, gemütlich anmutenden Bürgerhaus ist es inzwischen für die Stadtbücherei-Hauptstelle viel zu eng geworden. Voraussichtlich Mitte 1990 soll der Neubau an der Lintorfer Straße neben dem erweiterten Stadtmuseum bezogen werden. Der Rohbau steht beinahe, so dass die Planungen für die Inneneinrichtung bereits auf Hochtouren laufen.
Die neue Bücherei-Hauptstelle wird sich auf insgesamt vier Etagen ausbreiten mit großzügig angelegten einladenden Aufenthalts- und Studienzonen. Ausleihverbuchung und Literatursuche erfolgen dann mit Hilfe einer EDV-Anlage. Mit dem Umzug ins neue Haus beginnt ein neues Kapitel Ratinger Büchereigeschichte.
Anmerkung: Alle Zitate und Fotos wurden Akten der Stadtbücherei, gesammelt im Stadtarchiv, entnommen.

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