Allgemein - Geschichte - Ein Kleinod...

Ein Kleinod wider Willen


Von Reinhard Brenner

(Reinhard Brenner war Vorsitzender des Verbandes der Bibliotheken in Nordrhein-Westfalen. Er war Leiter der Stadtbibliothek Essen. Der Aufsatz wurde in DIE QUECKE Nr. 61/1991 veröffentlicht.)


Ratingen, die alte Bergische Hauptstadt mit ihrem sehenswerten und liebenswerten historischen Stadtkern, im Städtedreieck Düsseldorf, Essen, Duisburg gelegen, hat es verstanden, die Vorzüge der umliegenden Großstädte mit ihrem Anspruch auf bürgerliche Solidität und Behaglichkeit zu kombinieren. Die ausgezeichnete Anbindung an das BAB-Netz und die Nähe zum Düsseldorfer Flughafen haben die Stadt zu einem attraktiven Industriestandort gemacht. Durch eine ausgesprochen kluge Ansiedlungspolitik ist es gelungen, überwiegend immissionsarme Betriebe zu gewinnen und so den Charakter einer gemütlichen und gediegenen Wohn- und Gartenstadt zu erhalten. Rund 90.000 Einwohner zählt die Stadt und träumt den großen Traum von einem Leben als Großstadt.

Bis heute, da gerade in allen benachbarten Großstädten und vor allem im nahen Ruhrgebiet wieder einmal die Sparkommissare drohen, zählt Ratingen zu den prosperierenden Städten in Nordrhein-Westfalen. Die Arbeitslosenquote liegt unter dem Landesdurchschnitt, dennoch ist sie natürlich absolut zu hoch. Ähnlich verhält es sich mit der Pro-Kopf-Verschuldung.
Sie hält sich mit 1.900 DM sehr in Grenzen, und die Finanzkraft ist weiterhin gut.
So nimmt es nicht wunder, dass die Stadt über eine kulturelle Infrastruktur verfügt, die sich sehen lassen kann. Dazu gehört eine vorzügliche, multifunktional nutzbare moderne Stadthalle ebenso wie ein Stadttheater, dessen Tourneetheaterprogramm kontrastiert zu den vielfältigen Theaterangeboten der angrenzenden Großstädte. Dazu gehört ein Stadtmuseum, das sich inhaltlich sowohl zur Heimat- und Stadtgeschichte wie auch zur modernen Kunst hin orientiert -drei Werke von Beuys zählen zu den Glanzlichtern -, und mit dieser aparten Mischung ständig um eine geschlossene inhaltliche Konzeption und um Besucher ringt.

Und last und bisher auch least zählt dazu die Stadtbücherei, die bis dato in hervorragender Lage im historischen Bürgerhaus inmitten des Marktplatzes untergebracht war und wie selbstverständlich mehrmals wöchentlich in das nutzungsfördernde, ums Haus brandende Marktgeschehen einbezogen wurde.
Mit den rund 75.000 Medieneinheiten wurden bei 23,5 Öffnungsstunden in den letzten Jahren denn auch knapp 300.000 Entleihungen erzielt, eine Leistung, die von den Stadtvätern mit einem zufriedenstellenden Erwerbungsetat honoriert wurde. Gravierender Nachteil allerdings: mit einer Nutzfläche von 600 qm waren die Nutzungsbedingungen für das Publikum wie die Arbeitsmöglichkeiten für das sowieso zu kleine Mitarbeiter(innen)team um Margret Hoffmann katastrophal.

Die Raumprobleme zumindest sind seit dem 13. April 1991 auf beeindruckende Art gelöst. Mit einer Feierstunde für die Honoratioren und einem anschließenden programmvollen Aktionswochenende für die Bürger der Stadt wurde an diesem Tag die neue Stadtbücherei unter ihrer offiziellen verwaltungsmäßig programmatischen Bezeichnung "Medien- und Begegnungszentrum" der Öffentlichkeit übergeben. Und beide Zielgruppen waren's zufrieden: die erstere lief nach dem Genuss der üppigen Buffets und fruchtbaren politischen Gesprächen schnell auseinander, nicht ohne vielfach zu versichern, man käme in ruhigeren Zeiten zu einer ausführlichen Führung wieder (wenn da nur nicht der verflixte Zeitmangel wäre!);die Bürger der Stadt hingegen besetzten das Wochenende über geradezu das neue Haus und hinterließen am Sonntagabend eine total erschöpfte und trotzdem ob des Erfolges zufriedene und glückliche Bibliotheksmannschaft.

In der Tat ist der nun am Ende der Fußgängerzone am Rand des Citykerns und direkt an den 14 Tage später eröffneten Erweiterungsbau des Stadtmuseums angrenzende Büchereineubau rundum gelungen. Mit ihrer vierfach gegliederten, aufstrebenden und vielfach gebrochenen Glasfassade fügt sich die Vorderfront zwanglos in die lückenlose Bebauung der Lintorfer Straße ein und gewinnt zugleich durch seine Offenheit und Durchsichtigkeit einen unaufdringlichen eigenständigen Charakter. Die nach Südwest weisende Rückseite des Gebäudes besteht ebenfalls aus Glas und eröffnet von allen Etagen aus den Blick über die großzügigen Parkdecks hinweg ins Grün der innerstädtischen Gartenlandschaft und der Waldgebiete im Norden Düsseldorfs.

Die Nutzfläche des Neubaus liegt bei ca. 3.000 qm; 2.500 qm davon sind öffentlich genutzte Bibliotheksfläche, die eine angemessen großzügige, durchsichtige Bestandspräsentation ermöglicht und der weiteren Entwicklung kaum Grenzen setzt. Offensichtlich haben die Ratinger Kolleg(inn)en geschafft, was nur wenigen gelingt, nämlich die Planer zur Lektüre des KGSt-Gutachtens zu bewegen und von der Notwendigkeit zu überzeugen, dessen Raumnormen bei der Planung zu berücksichtigen.

Der Besucher, der die Bibliothek durch den behindertengerechten, durch Pflanzbeete eingefassten Eingangsbereich betritt, findet sich wieder im Erdgeschoss inmitten eines weiten offenen Marktplatzes mit Nahbereichsangeboten im filigranen Top-Shop-System (ekz), einem umfangreichen Infobestand mit Broschüren aus den unterschiedlichsten Lebens- und Sachgebieten in Regalarkaden. Etwas erhöht hinter einer bequemen vielfarbigen Sitzlandschaft der AV-Medienbereich: Videos, CDs und Cassetten überwiegend in attraktiver Frontpräsentation, daneben Spiele in Hülle und Fülle.

Rechter Hand schräg gegenüber dem Eingangsbereich liegt die zentrale Verbuchung, die ergänzt wird durch eine am anderen Ende der Raumdiagonalen liegende separate Verbuchung für AV-Medien und Spiele. Sehr pfiffig und elegant gelöst ist das Problem der meist doch etwas trostlos und nüchtern herumstehende Taschenschränke: sie bilden hier eine kleine mit Spitzdächern versehene Stadtlandschaft, deren nach außen zeigende Rückseite als Plakatwand genutzt werden kann.

Im hinteren Teil des Erdgeschosses liegt das rund 200 qm große Lesecafe mit seinem Angebot an Zeitungen und populären Zeitschriften, das schon nach kurzer Zeit für viele Ratzinger zum Treffpunkt geworden ist. Eine ganz in Grau gehaltene, ausreichend große und in ihrer Bizarrheit sehr formschöne Theke enthält eine fast komplette Kücheneinrichtung, die es dem Wirt ermöglicht, auch kleinere Gerichte zuzubereiten. Die Einrichtung des Cafés ist in schwarz und weiß gehalten, lediglich die Polster der Stühle leuchten in einem intensiven Pink und verleihen dem Raum eine beschwingte Atmosphäre. Ohne Schwierigkeiten kann das Café zum Veranstaltungsraum umfunktioniert und für Lesungen, Vorträge, Diskussionen u.ä. genutzt werden. Die Wände sind mit Galerieschienen ausgestattet, so dass hier zugleich ein attraktiver Ausstellungsraum entstanden ist.

Hervorragend gelungen ist die vertikale Erschließung des Gebäudes: eine leicht und luftig wirkende und ganz in weiß gehaltene Treppe in einem völlig offenen Treppenhaus fasst die vier Etagen zu einer harmonischen Einheit zusammen. Sie endet in der vierten Etage unter einer weit ausholenden Spitzkuppel aus Glas, die zusätzlich zu den Glasfassaden für freundliche Lichtverhältnisse sorgt, an Sonnentagen aber auch nicht ganz so angenehme Temperaturverhältnisse zur Folge haben wird. Wer Treppensteigen scheut, erreicht die einzelnen Etagen natürlich auch mit einem Aufzug.

Im ersten Obergeschoss findet der/die Leser(in) deutsche und fremdsprachige Belletristik sowie die Sachgruppen Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft mit Sprachkassetten, Kunst, Musik-Tanz-Theater mit einem umfangreichen Notenangebot, Sport-Spiele-Basteln, Land- und Hauswirtschaft sowie die Gruppen Erd-,Länder-,Völkerkunde und Heimatkunde. Das zweite Obergeschoss präsentiert die übrigen Sachgruppen einschließlich eines Teiles der Verwaltungsbücherei, die im Zuge des Neubaus in die Stadtbücherei integriert wurde und somit allen Bürgern zur Verfügung steht. Die angrenzende Studienzone wird durch ein umfangreiches Zeitschriftenangebot sowie durch eine von der Verbraucherzentrale NRW, Düsseldorf, zusammengestellte und gelieferte Verbraucherinfo ebenso attraktiv wie durch die Arbeitscarrels mit Schreibmaschine, Videoplayer, Cassettenrecorder und vor allem durch zwei Personal-Computer, auf denen mitgebrachte oder bibliothekseigene Software ausprobiert werden kann. Zu den intensivsten Nutzern gehören, wie könnte es auch anders sein, Jugendliche.

Die ausgesprochen bürgerfreundliche Konzeption der neuen Bibliothek wird durch die übersichtliche Gliederung und Möblierung der beiden Obergeschosse besonders deutlich: das ekz-Regalmodell VIII (Rundrohr) beweist auch hier seine Formschönheit sowie seine hohe Funktionalität und Flexibilität. Das Türkis der Metallteile harmoniert prächtig mit dem warmen Ton der Regalböden aus Buche, das leider bei Wandregalen durch ein nüchternes Weiß vor weißem Hintergrund ersetzt wurde. Dafür bringen Sitzgruppen in schwarz mit bunten Polstern ebenso weitere Farbtupfer wie die zahlreichen Grünpflanzen.

Eine Fülle von sinnvoll eingesetzten Accessoires, meist Spenden von Ratinger Bürgern und Firmen, machen den Rundgang zu einem zusätzlichen Erlebnis: Erwähnenswert sind u.a. die drei sprudelnden Wassersäulen im Erdgeschoss, das Bodenschach und ein beleuchteter Riesenglobus sowie ein großformatiges Wandbild aus Ton im 1. Obergeschoss, das einen bunten Lebensbaum zeigt, gefertigt mit bewundernswertem Geschick von behinderten Kindern der Helen-Keller-Schule.

Blickfang der obersten Etage ist ein Aquarium, das mit seinen lebhaften Fischen aus dem zentralafrikanischen Malawisee einen Schuss Exotik zwischen die natur- und sozialwissenschaftlichen Bestände bringt. Ausstellungsvitrinen mit Leihgaben des Stadtarchivs und des Stadtmuseums und mehrere Skulpturen runden die Palette dieser atmosphäreschaffenden Attraktionen ab.

Wo aber bleiben die Kinder und Jugendlichen? Wie vielerorts auch hier im Untergeschoss, doch abgeschoben braucht sich trotzdem sicherlich niemand zu fühlen.
Der Jugendbereich ist zweigeteilt: in dem unmittelbar bei der Treppe gelegenen Teil gruppieren sich um einen zentral an zwei Säulen angelehnten fröhlichen Marktstand mit Comics und Cassetten die erzählende Literatur für Kinder ab 9 Jahre sowie die Sachbücher und die Jugendzeitschriften. Zur Gebäuderückfront hin schließt der Raum mit einem über die gesamte Hausbreite laufenden, allerdings nicht begehbaren Wintergarten ab. Wer sich durch die herrlich bequemen, knallbunten Sofas zum Fläzen und Schmökern verleiten lässt, genießt den Blick ins beruhigende Grün und braucht nicht auf die nüchternen Parkdecks zu schauen.

Die Helligkeit dieses Raumsegmentes kontrastiert etwas zu den Lichtverhältnissen der zweiten, zur Gebäudefront hin orientierten Raumhälfte, die ohne künstliche Beleuchtung nicht auskommt. Dennoch können sich (nicht nur) die ganz Kleinen in dieser vielfältigen Erlebnislandschaft wohlfühlen. Rings um ein zentrales Aktionsrund, in dem eine Kolonne von Bilderbuchplanwagen zur Mitfahrt ins Land der Phantasie einlädt, finden sie in Wohnlichkeit spendenden Ganzholzregalen ihre Literatur und daneben alles, was das Kinderherz höher schlagen lässt: Schaukelpferde und ein Kasperltheater, einen Riesenteddy zum Schmusen und eine Kuschelecke, die mit einem Vorhang sogar in eine kleine Bühne verwandelt werden kann. Besonderer Blickfang ist jedoch ein raumhohes Wandbild, mit dem die städtische Malschule eine bunte Zirkuswelt in die Bücherei gebracht hat.

Mit dem Umzug in das neue Gebäude hat auch in der Ratinger Stadtbücherei das EDV-Zeitalter begonnen. Zur Anwendung kommt das integrierte Programmpaket "Datalibris" der Fa. Datapoint, das nach den ersten heißen Wochen seine Bewährungsprobe bestanden zu haben scheint. Insgesamt sind 19 Terminals angeschlossen, vier davon stehen den Leser(inne)n zur direkten Nutzung zur Verfügung. Bis auf wenige Ausnahmen ist der Gesamtbestand nach jahrelangen Vorbereitungen komplett erfasst, so dass nun alle Recherchemöglichkeiten des Systems genutzt werden können.

Besser, schneller, vielfältiger und umfassender, das hat sich schon nach kurzer Zeit deutlich gezeigt, ist mit dem Umzug der Service der Stadtbücherei geworden. Nicht zuletzt tragen dazu auch die zufriedenstellenden Arbeitsbedingungen des Bibliothekspersonals bei, die nun im Zusammenspiel mit der EDV eine noch rationellere Arbeitsorganisation als bisher zulassen. Allerdings: die Arbeitsräume des Bibliothekspersonals sind alles andere als überdimensioniert und werden bei weiter steigendem Betrieb unter Umständen bald wieder zu eng werden.

Mit der Eröffnung am 13. April ging eine Vorplanungs-, Planungs- und Bauphase von fast fünfzehn Jahren zu Ende. Die Chronologie der Beschlüsse des Rates reicht von 1977 bis 1986. Die Ausschachtungsarbeiten mussten kurz nach dem Baubeginn im Dezember 1987 aufgrund von Bodenaltlasten für ein halbes Jahr unterbrochen und konnten nach der kostensteigernden Sanierung erst im Juni 1988 wieder aufgenommen werden. Bis zur Fertigstellung des Gebäudes dauerte es somit fast drei stolze Jahre, eine Zeit also, in der es heutzutage ohne Probleme möglich ist, beispielsweise eine größere Reihenhaussiedlung komplett zu erstellen. Woran lag's?
Nach dem unglücklichen Bauauftakt, der natürlich für viel Wirbel und negative Schlagzeilen in der Stadt gesorgt hatte, tauchten auch in Ratingen die ersten zarten Hinweise auf kommende Probleme im städtischen Haushalt auf, die dazu führten, dass die Mittel für die einzelnen Bauphasen sehr zögerlich bereitgestellt und deshalb immer wieder Bauverschleppungen provoziert wurden.

Die Sorgen der Verantwortlichen in Rat und Verwaltung um den Ausgleich des Etats ihrer nach wie vor auch wirtschaftlich blühenden Stadt verschafften unterschwelligen Vorurteilen, die öffentlichen Bibliotheken als den publikumsintensivsten Kultureinrichtungen gerade in Krisenzeiten immer wieder entgegen gebracht werden, ungeahnte Geltung - und ein Teil der Lokalpresse nahm sich dieser nur zu gerne an. Da war der Neubau plötzlich zu groß und die fachlichen Ansprüche überzogen; da ruhte das Luxusobjekt auf unmöglichen Säulen; und natürlich war die Theke des Cafés zu hoch, zu breit und vor allem zu teuer, kurz ein Skandal. Das alles führte dazu, dass die Identifikation der Meinungsmacher mit dem Büchereineubau zunehmend zu schwinden schien. Das wichtigste und einflussreichste Anzeigenblatt der Stadt brachte es fertig, auf Vorabhinweise auf die Eröffnung und das Eröffnungsprogramm sowie auf eine Nachberichterstattung völlig zu verzichten.

Die Bürger hingegen scherte dies alles wenig. Sie nahmen ihre neue Bücherei zwar vielfach voll Stolz und Bewunderung, letztlich aber doch ganz selbstverständlich in Besitz. Weil sie sie brauchen, in dieser Größe, mit dieser Ausstattung und mit diesem Medienangebot. Rund 1.500 Neuanmeldungen und 42.000 Entleihungen in den ersten sechs Betriebswochen legen nachdrücklich Zeugnis dafür ab. Rat und Verwaltung allerdings müssen sich fragen lassen, wie lange sie es rechtfertigen können, ihre zentrale Stadtbücherei, die mit dem Neubau alle Voraussetzungen mitbringt, sich zum innerstädtischen Kommunikationszentrum zu entwickeln, den Nutzer(inne)n wöchentlich nur 23,5 Stunden zur Verfügung zu stellen. Die Erweiterung der Öffnungszeiten auf mindestens 32 Stunden ist dringend geboten. Erst dann wird die neue Bücherei ein Haus für alle Bürger. So bleibt sie vorläufig ein bibliothekarisches Kleinod wider Willen.

Amt für Kultur und Tourismus
Stadtbibliothek Ratingen

Postanschrift:
Postfach 101740
40837 Ratingen

Medienzentrum:
Peter-Brüning-Platz 3
40878 Ratingen

Stadtplan

Telefon 02102 550-4128
Telefax 02102 550-9412

E-Mail: stadtbibliothek@ratingen.de