Das „Ratinger Kleeblatt“

Noch heute werden sie in Ratingen „das Kleeblatt“ genannt – vier junge Frauen, Lehrerinnen der Evangelischen Volksschule an der Graf-Adolf-Straße. Eine Fotografie, die sich im Stadtarchiv befindet, zeigt sie um einen Tisch gruppiert und da man die Vier oft zusammen sah, nannten die Ratinger sie „das Kleeblatt“. Ihre ernsten Gesichter mögen mit der Zeit der Aufnahme in Verbindung stehen, denn das Bild wurde 1915, also mitten im Ersten Weltkrieg aufgenommen. Die Frauen sind namentlich bekannt, wobei über zwei der Lehrerinnen mehr Informationen vorliegen, da sich ebenfalls im Stadtarchiv Schriftstücke aus ihrer Dienstzeit erhalten haben. Das gilt für Wilhelmine Helene Emilie Erbert links außen und Ida Worlitzer rechts außen. Von den anderen beiden sind lediglich die Nachnamen bekannt, Pape, die zweite von links, und Kuhl, am Tisch stehend.

Für Ida Worlitzer ist das Jahr 2016 sozusagen ein doppeltes Jubiläumsjahr, denn vor 100 Jahren absolvierte sie ihre endgültige Anstellungsprüfung für den Schuldienst und 40 Jahre später, 1956, trat sie in ihren wohlverdienten Ruhestand. Emilie Erbert folgte ihr vier Jahre später.

Als Worlitzer und Erbert noch im Deutschen Kaiserreich ihren Dienst in der Schule aufnahmen, war der Beruf der Volksschullehrerin für viele junge Frauen aus bürgerlichen Kreisen attraktiv. Denn er bedeutete für sie eine auskömmliche Verdienstmöglichkeit, die bei allem Makel der weiblichen Berufstätigkeit doch als standesgemäß galt, für Töchter aus kleinbürgerlichen oder Handwerkerfamilien die Möglichkeit zum gesellschaftlichen Aufstieg. Da Bildung in der industrialisierten Gesellschaft eine immer größere Rolle spielte, bot der Lehrerinnenberuf den Frauen eine Perspektive – jedenfalls solange sie nicht heirateten, denn dann mussten sie aus dem Schuldienst ausscheiden.

Der Anteil der Lehrerinnen machte allerdings nur einen kleinen Teil der erwerbstätigen Frauen im Kaiserreich aus. Der größte Teil arbeitete in der Landwirtschaft und Industrie, im Verkauf und Handel oder auf dem Büro als Schreibkraft oder Korrespondentin, in den Rentenrechnungsstellen, im Überweisungs- und Scheckverkehr, an den Fahrkartenausgaben oder in den modernen Telegrafenanstalten. Auch der soziale Bereich bot zahlreiche Frauenarbeitsplätze zum Beispiel als Krankenschwester oder Pflegerin, in der Fürsorge oder in den Kinderhorten. Laut der letzten Berufszählung vor dem Ersten Weltkrieg 1907 waren 45% der 15- bis 69-jährigen Mädchen und Frauen erwerbstätig. (Frevert, Ute: Frauen-Geschichte. Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit, Frankfurt a.M. 1986, S. 152)

Für den Beruf der Volksschullehrerin war weder Abitur noch ein akademisches Studium erforderlich, beides für junge Mädchen im Kaiserreich noch nicht selbstverständlich, sondern ein Bereich, um den sie kämpfen mussten. Für die Ausbildung zur Volksschullehrerin genügte der Abschluss an einem (nicht-akademischen) Lehrerinnenseminar.
Wie eine solche Ausbildung aussah, lässt sich am Lebenslauf von Emilie Erbert ablesen, den sie für ihre Einstellung in den Schuldienst verfasst hat. Geboren 1895 in Düsseldorf besuchte sie von 1901-1904 die Volksschule, anschließend bis 1909 eine Mädchen-Mittelschule; ihre Ausbildung begann sie ebenfalls in Düsseldorf mit einer dreijährigen Vorbereitungsklasse, Präparandie genannt, an die sich das Lehrerinnenseminar anschloss, das sie ebenfalls drei Jahre besuchte. (Seit 1908 gab es in Ratingen zwar ein Lehrerseminar, das aber nur männliche Lehrkräfte zuließ. Seit 1912 in dem neu errichteten Gebäude an der Mülheimer Straße, in dem heute die Anne-Frank-Schule und das Stadtarchiv untergebracht sind.)

Mit 20 Jahren machte sie 1915 ihre Lehramtsprüfung. Der Krieg ermöglichte ihr sofort eine, wenn auch „einstweilige“ Anstellung an der Evangelischen Volksschule in der Graf-Adolf-Straße in Ratingen, denn fünf der dortigen Lehrer waren zum Kriegsdienst eingezogen worden. (Schreiben des Bürgermeisters vom 17.4.1915, Stadtarchiv Ratingen (Akte 2.4362). 1920 wurde Erbert endgültig angestellt und blieb bis 1960 in Ratingen im Schuldienst.)

Auch ihre auf dem (obersten) Foto rechts abgebildete Kollegin Ida Worlitzer (geb. 1894) hatte 1915 eine vorläufige Anstellung an der gleichen Schule erhalten (Worlitzer erhielt 1917 eine endgültige Anstellung an gleicher Schule und wurde 1956 in den Ruhestand entlassen) und vermutlich zeitgleich auch die beiden anderen Frauen aus ihrem Kreis, um die einberufenen Lehrer zu ersetzen. Während Worlitzer bereits 1916 ihre Prüfung für die Anstellung machte und ein Jahr später eine endgültige Anstellung im Schuldienst erhielt, absolvierte Erbert 1917 ihre zweite Prüfung und wurde 1920 endgültig in den Schuldienst übernommen.

Allein durch die vielen politischen Wechsel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, von der nationalsozialistischen Herrschaft zur Bundesrepublik Deutschland, dürften beide Frauen eine sehr bewegte Schulzeit erlebt haben.

Akten im Stadtarchiv: 2.4362 und 2.4363 zu Emilie Erbert; 2.4023 und 2.4024 zu Ida Worlitzer

© Christiane Syré
LVR-Industriemuseum, Textilfabrik Cromford

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