Das Lager Lintorf und seine Bewohner

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Besuch im Ausländerlager macht nachdenklich.

Unter dieser Überschrift erschien am 15. Januar 1955 ein halbseitiger Artikel in der Rheinischen Post, Lokalausgabe "Ratingen, Kettwig, Angerland" mit Fotografien von Reiner Klöckner.
"Nur wenige Schritt von [einem] dröhnenden und singenden Asphaltband entfernt liegt hinter Bäumen versteckt eine kleine Welt, die zwar auch mit ihren Lebensnerven an den großen brausenden Kreislauf angeschlossen ist, die aber auf irgendeine bedrückende Weise von jenen vergangenen bösen Zeiten trotzdem nicht loskommt. Ein für uns längst versunkendes Jahrzehnt lastet über ihren Baracken und Wegen: Diese kleine Welt ist das Ausländerlager Lintorf, unter diesem Namen bekannt und ringsum mißachtet [ ...]." (Rheinische Post vom 15. Januar 1955)

Abgegrenzt wurde diese kleine Welt durch einen hohen Stacheldrahtzaun, welchen ehemals die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter verschiedenster Länder mit den eigenen Händen errichtet haben. Das einstige Krupplager wurde kurz vor Kriegsende, wahrscheinlich im Jahr 1943 errichtet und sollte in der Endphase des Zweiten Weltkrieges die Zwangsarbeiter der Rüstungsindustrie schnell zu den Werken in Essen bringen. 3.000 gefangene und verschleppte Männer und Frauen wurden von dort täglich bis zur Befreiung durch die Alliierten 1945, in Zügen zu ihrer Arbeitsstelle transportiert.

Mit der Übernahme durch die britische Armee änderte sich der Charakter des "Camp Lintorf" von einem Gefangenenlager hin zu einer kleinen, abgeschotteten Welt, welche nicht mehr Kriegsgefangene, sondern ca. 1.100 Arbeitskräfte aus der Ukraine, Weißrussland, Jugoslawien, Tschechien, Russland und hauptsächlichen Polen beherbergte. Es handelte sich um so genannte "Displaced Persons": Menschen, die entweder zwangsverschleppt worden waren oder ehemalige Kriegsgefangene. Zum Teil waren sie auch als freiwillige Arbeiter ins Land gekommen, die sich in Deutschland eine bessere Perspektive als in ihren von den Deutschen besetzten Ländern erhofft hatten. Sie alle konnten nach der Befreiung aus politischen Gründen nicht in ihre Heimat zurück. 

Die Unterbringung dieser Personen in Lagern zog sich teilweise über 15 Jahre hin, obwohl der ursprüngliche Aufenthalt nur für ein halbes Jahr vorgesehen war.

1950 übernahm die Zweigstelle des Sozialministeriums NRW die Leitung des an der Lintorfer Rehhecke erbauten Lagers mit den damals 1.200 Bewohnern und 47 Angestellten. So konnte sich, aus diesem Kaleidoskop an verschiedensten Nationen und Geschichten schließlich eine stadtähnliche Struktur und eine eigene Gesellschaft entwickeln. Man stellte sich den Widrigkeiten wie schlechter Verpflegung, Ungeziefer und Armut.

Es entstanden Kantinen, ein Krankenlager und eine Lagerkirche mit mehreren Geistlichen für die verschiedenen Konfessionen. Einrichtungen, welche zum Wohlergehen der Bewohner beitragen sollten, die in den insgesamt 67 Baracken untergebracht waren. Außerdem wurden sowohl ein Kindergarten als auch eine Lagerschule errichtet.

Der Großteil der Männer arbeitete in handwerklichen Berufen wie zum Beispiel im Gleis-, Straßen-, oder Tiefbau. Das gründet sich in der Tatsache, dass die meisten Bewohner des Lagers aufgrund der Kriegsjahre und auch wegen der Verschleppung in ihren Jugendjahren keine ordentliche Ausbildung erfahren konnten. Aufgrund ihres Fleißes und der niedrigen Lohnansprüche waren sie aber bei den örtlichen Unternehmen als Arbeiter sehr willkommen. Lediglich in den Wintermonaten wurden sie häufig freigestellt, damit in den Betrieben das Weihnachtsgeld für Festanstellungen eingespart werden konnte. Die Frauen des Lagers waren entweder in Haushalten beschäftigt oder arbeiteten zeitweise auf naheliegenden Höfen oder in Gärtnereien. Später wurde für das Lager Lintorf eine kleine Zahl an Nähmaschinen angeschafft, an denen einige Bewohnerinnen arbeiten konnten.

Zur Beschäftigung nach der Arbeit und in den Wintermonaten wurden Fußballmannschaften gegründet, welche gegeneinander antraten. Zudem waren Kinobesuche in der Stadt und kirchliche Feste besonders beliebt. Eine "Allzweckbaracke" diente als Gemeinschaftsraum in der später auch ein Fernseher stand. Außerdem wurde eine Lagerzeitung herausgegeben.

Die Kantinen hatten eine Schankerlaubnis erteilt bekommen, um dem eigenständigen Herstellen von Schnäpsen entgegenzuwirken. Der gelegentliche Missbrauch des Alkohols und damit verbundene Gewalttaten waren wohl mit ein Grund dafür, dass die Lagerbewohner von der Lintorfer Bevölkerung höchstens geduldet waren und nie eine wirkliche Integration stattfand. Außerdem wurden kriminelle Delikte häufig den "Heimatlosen Ausländern" zugeschrieben.

Dies waren aber tatsächlich eher Ausnahmefälle. Von den meisten Zeitzeugen wurden die fremden Anwohner als ordentlich und fleißig beschrieben, wie die RP berichtete. Das Lager wurde stets sauber gehalten und obwohl manche Bewohner bis zu 15 Orts- und Lagerwechsel durchleiden mussten, war man stets bemüht, die eigene Baracke wohnlich zu gestalten. In der Rheinischen Post vom 15. Januar 1955 kommt eine Fürsorgerin zu Wort: „ Unsere Familien hier sind durchweg sehr ordentliche Leute. Dabei darf man bei allem die Hypothek nicht vergessen, die sie mit sich herumschleppen. Nirgends ist ein Ende abzusehen, nirgends sind sie zu Hause, überall werden sie mit Mißtrauen angesehen. Da sind sie manchmal einsam und verzweifelt.“

Die Polin Stefania Openka wurde deshalb schon in der Rheinischen Post vom 15. Januar 1955 vorgestellt. Sie wurde 1941 im Alter von 25 Jahren von den Nationalsozialisten als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt und gelangte nach dem Krieg als "Displaced Person" und einigen Zwischenstationen, wie unter anderem einem Lager in Münster, schließlich nach Lintorf. Mit ihrem Mann Theodor musste sie selbst, wie viele andere, einige zermürbende Lagerwechsel durchleiden. In Lintorf blieben sie 4 ½ Jahre, bevor sie nach Münster und dann nach Dortmund kamen. (Quellen: Meldekarten der Stadt Ratingen, Kartei Zwangsarbeiter und Kartei Ausländer)

Der Leiter des Lagers äußerte sich über die Lage der Bewohner 1955 in der Rheinischen Post folgendermaßen: „Bedenken Sie, hinter Stacheldraht lebten Sie meist im Krieg, jahrelang, dann waren Sie 1945 frei und Sieger, und dann kam wieder das Lager und Stacheldraht. Das zermürbt.“

Das Lager Lintorf wurde schließlich 1960 nach über 17 Jahren geschlossen, um einer Neubausiedlung zu weichen. Nur weniges erinnert heute noch an diese längst vergessene Zeit.

© Florian Heimes, Stadtarchiv Ratingen

Zum Weiterlesen eignen sich:

Ruth Braun: Das wahre Leben war es nicht. Displaced Persons und das Lager Lintorf, in: Die Quecke. Ratinger und Angerländer Heimatblätter, Nr. 65 (1995), S. 34-63

und ausführlicher die gleichnamige, von Ruth Braun 1994 verfasste Diplomarbeit im Studiengang Sozialwissenschaften, die sich in der Bibliothek des Stadtarchivs befindet.

Marianne Baiowa, Kindheitsjahre im DP-Lager Lintorf (1951-1955), in: Die Quecke. Ratinger und Angerländer Heimatblätter, Nr. 76 (2006), S. 27-28

Karl Schaefer, Zwei Jahre als Lehrer in der Lagerschule, in: Die Quecke. Ratinger und Angerländer Heimatblätter, Nr. 65 (1995), S. 63-65

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