Späte Kriegsheimkehr nach Ratingen

Nach dem Kriegsende im Jahr 1945 begann die langsame Neugestaltung Deutschlands. Häuser und Städte wurden aufgebaut, Familien fanden wieder zueinander und man versuchte, die Erinnerungen an den Krieg und die Ideologie der letzten Jahre zu vergraben und aus den physischen und psychischen Trümmern einen Neuanfang zu wagen.

Doch nicht für alle endete der Krieg mit der Kapitulation der Deutschen. Viele deutsche Soldaten waren in Kriegsgefangenschaft geraten und verbrachten die nachfolgenden Jahre in den Lagern der früheren Kriegsgegner. In der Sowjetunion wurden 1955 noch fast 10.000 Kriegsgefangene und 20.000 Zivilinternierte festgehalten. Die meisten waren in Lagern unter schwierigen Arbeits- und Lebensbedingungen untergebracht.

Wirkliche Hoffnung auf eine baldige Rückkehr gab es erst mit der angekündigten Moskau-Reise von Bundeskanzler Konrad Adenauer im September 1955. Mit der ersten eigenständigen und außenpolitischen Handlung der Bundesrepublik knüpfte Adenauer diplomatische Beziehungen mit der Sowjetunion. Sein Hauptinteresse lag dabei auf der Heimkehr der letzten Kriegsgefangenen. Nach vier Tagen zäher Verhandlungen wird eine mündliche Zusage zur Freilassung der verbliebenen Gefangenen erreicht.
So gelangte am 7. Oktober 1955 der erste Zug mit Heimkehrern nach Deutschland. Über das Grenzdurchgangslager Friedland in Niedersachsen kehrten so auch einige Ratinger wieder in ihre Heimat zurück. Am Düsseldorfer Hauptbahnhof wurden die lange entbehrten Ehemänner und Familienmitglieder mit großer Freude empfangen. Neben dem gebürtigen Ratinger Willi Plänk erreichten unter anderem auch Rudolf Husemann und Werner Breyer nach mehr als zehn Jahren Gefangenschaft wieder deutschen Boden. Nach der überschwänglichen Begrüßung durch Familie und Freunde wurde zu ihren Ehren ein Bankett im Ratinger Rathaus veranstaltet.
Die Strapazen und Anstrengungen der letzten Jahre waren noch längst nicht vergessen. Obwohl die Freigelassenen gerne wieder in ihre alten Berufe zurückkehren wollten, sind sie teils invalide teils psychisch so belastet, dass ihnen diese Chancen verbaut waren. Der Heimkehrer Rudolf Husemann zum Beispiel ist bereits in der Sowjetunion als arbeitsunfähig eingestuft worden. Das Leben vieler Menschen hatte sich durch den Krieg und die Gefangenschaft verändert. Durch dieses Schicksal wurden ihnen einige der besten Lebensjahre genommen.

Der Verwaltungsbericht der Stadt Ratingen stellt zum Jahr 1955 fest: „Aus Kriegsgefangenschaft und Internierung wurden im Berichtsjahr 7 Heimkehrer nach Ratingen entlassen. Ihnen allen wurden sowohl durch finanzielle als auch durch persönliche Hilfe alle Wege geebnet, um ihnen den Übergang in ein normales Leben zu erleichtern. Ein tragisches Schicksal hat einen unserer Spätheimkehrer getroffen. Einige Wochen nach seinem Eintreffen ist er nach 11jähriger russischer Gefangenschaft infolge der Entbehrungen und Strapazen im Alter von 35 Jahren verstorben.“ (Verwaltungsbericht vom 8.9.1956)

© Florian Heimes, Stadtarchiv Ratingen
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