1916 - Beschäftigung von Kriegsgefangenen in Homberg

Der Beginn des Ersten Weltkriegs und die damit verbundene Mobilisierung von Millionen Männern führten in der Industrie und der Landwirtschaft zu einem gravierenden Mangel an Arbeitskräften. Als Gegenmaßnahme wurde versucht, diese Lücke durch Frauen und Kriegsgefangene zu schließen.
Am 6. Juni 1916 trafen die ersten 68 russischen Kriegsgefangenen in Homberg ein. Sie wurden im Saal der Gastwirtschaft „Die Krone“ untergebracht und gingen von dort jeden Morgen einzeln oder in kleinen Gruppen ohne Bewachung zu den einzelnen Höfen. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Kriegsgefangenen waren in der Landwirtschaft im Allgemeinen erträglicher als in der Industrie oder gar im Bergbau. Vor allem die Verpflegung und Unterbringung waren meistens besser. Da sich viele Bauern oder ihre Söhne im Krieg befanden, waren die Höfe auf die Arbeitskraft der Gefangenen angewiesen. Besonders beliebt waren Russen, weil sie von zu Hause oft Erfahrung in der Landwirtschaft mitbrachten.
In der Chronik der katholischen Volksschule Homberg heißt es dazu: „Weil die Landwirte Arbeitskräfte zu wenig haben, kamen auf ihren Antrag gefangene Russen hierhin zur Hilfeleistung. Am 6. Juni wurden nachmittags 68 Russen und 6 Wachmannschaften in den Saal bei Lücker gebracht. Diese kamen aus dem Lager bei Münster. Einer der Gefangenen ist an Lungenentzündung erkrankt nach 14 Tagen und gestorben im Krankenhause in Ratingen. Am Begräbnisse nahmen auch 5 von den Gefangenen teil, Musik und viele Verwundete und andere Soldaten aus Ratingen begleiteten den bekränzten Sarg.“ Der Verstorbene war der 25jährige Landarbeiter Anton Batschin aus Tula. Der Beerdigungszug, der die Oberstraße entlang zum evangelischen Friedhof verlief, ist im Fotoalbum, das die Ratinger Stadtverwaltung damals zum Ersten Weltkrieg angelegt hat, auf vier Fotografien dokumentiert.
Bereits im Juni 1915 waren in Ratingen die ersten 71 Kriegsgefangenen, Franzosen, Belgier und Briten, per Eisenbahn eingetroffen und wurden zentral im Lager „Tonwerk Ratingen“ (Schwarzbachstraße 16/Voisweg) untergebracht. Die Zahl der arbeitenden Kriegsgefangenen nahm im Verlauf des Krieges weiter zu. Im Sommer 1917 waren – laut den Angaben des Bürgermeisteramtes – in Ratingen 134 und in der Gemeinde Eckamp, zu der auch Homberg gehörte, 70 Kriegsgefangene beschäftigt. Sie waren in verschiedenen Lagern direkt bei den Betrieben untergebracht: Tonwerk Ratingen, Düsseldorf-Ratinger Röhrenkesselfabrik, vormals Dürr & Co, Düsseldorf-Ratinger Maschinen- und Apparatebau AG und der DAAG. Darüber hinaus gab es ein Lager in Eckamp.
Bei Kriegsende sollten die Gefangenen entlassen werden. Die Bedingungen des Waffenstillstands von Compiègne am 11. November 1918 sahen die Freilassung und den Heimtransport aller alliierten Kriegsgefangenen vor. Bereits die Heimführung der über eine halbe Million Franzosen und Belgier überforderte die deutsche Militärverwaltung. Die meisten der 1,2 Millionen russischen Kriegsgefangenen wurden erst in den folgenden Monaten bis Mai 1919 entlassen und unter teils katastrophalen Bedingungen transportiert.

Für Homberg sind zwei ehemalige russische Kriegsgefangene dokumentiert, die entweder freiwillig nicht zurückkehrten oder noch festgehalten wurden: Iwan Bisnokin und Friedrich Bysow. Der als landwirtschaftlicher Arbeiter bezeichnete und im Nordkaukasus geborene 25-jährige Bisnokin verstarb am 29. Januar 1920 auf dem Hof der Familie Friedrich Bellscheidt. Der aus der Ukraine stammende 34-jährige Bysow erlag am 2. Februar 1920 im katholischen Krankenhaus in Ratingen einer Lungenentzündung. Er war in Homberg als Knecht auf dem Gut in den Höfen beschäftigt gewesen. Beide Tote wurden wie Anton Batschin als Kriegsopfer auf dem evangelischen Friedhof (heute Werdener Straße) beigesetzt, wo sie noch heute liegen.

© Erik Kleine Vennekate, Stadtarchiv
Fotos: Stadtarchiv Ratingen

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Der Einsatz von Frauen und Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg
erschienen im "Forum Geschichtskultur Ruhr" 2014
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Kriegsgefangene und ausländische Zivilarbeiter in Ratingen 1914-1918
erschienen in "Die Quecke" Nr. 84 (2014)
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