Spendenaufruf für Flüchtlinge 1850

Anzeigen - Aufruf an die Bewohner Kölns und der Rheinlande

Fast täglich hören und lesen wir von dem Elende unserer Brüder, die in Folge der politischen Bewegungen ihr Vaterland verlassen mußten.

Frankreich, Holland und Belgien haben ihrem Asylrechte zu Gunsten des herrschenden Systems entsagt, und selbst die Schweiz, durch Drohungen gezwungen, kündigt Einem nach dem Andern das Gastrecht auf.

Willfährig ergreift man dort die Gelegenheit, und hetzt das Volk gegen die auf öffentliche Kosten kümmerlichst ernährten auf: Wollen sie Arbeit suchen, so sind sie lästige Konkurrenten und Preisverderber: halten sie sich in gezwungener Untätigkeit, so essen sie in Trägheit das Brot der fleißigen Leute.

Jedes Unglück, jede Missetat bringt man geflissentlich auf ihre Rechnung.

So darben sie im Elende, in schlechten Kasernen zusammengepfercht, dem Überdruß ihrer Beschützer, dem Hunger, der Kälte und endlich der Ausstoßung preisgegeben, nicht wissend, wo sie ihr von aller Welt geächtetes Haupt bergen sollen, weil ihnen die Mittel fehlen, England oder Amerika zu erreichen.

Es soll hier keine Parteidemonstration mit dem Elende unserer Brüder gemacht werden, vor allen Dingen sollen wir helfen, und meinen, daß bei solchem Unglücke der Parteien-Unterschied schwinden müsse.

Mag der eine beisteuern aus heiliger Pflicht für die Kämpfer und Märtyrer seiner Sache,- der andere unglückliche Verführte, die, jedenfalls nicht von niedern Motiven, in den Kampf zogen, und die als Sieger man mit Lorbeeren bekränzt hätte,- der Dritte endlich für seine geschlagenen Feinde, denen man eine goldene Brücke bauen soll, die spendende Hand öffnen.- Sie alle werden sich in dem gerechten Nationalgefühle vereinigen, den Deutschen in fremden Lande nicht wie einen Bettler umherziehen zu lassen.

Das Comite.

Für dasselbe der geschäftsführende Ausschuss:

A. Braubach, Kaufmann, Weißbüttengasse Nr. 35 und 37.
G. Jung, Apostelnkloster
Fr. Kyll, Justizrath, Glockengasse Nr. 17.
P.M. Pannes, Rentner, Apostelnkloster Nr. 5.
C. Schneider, II., Advokat, Komödienstraße Nr. 62

Historische Einordnung

Mit der Revolution gegen die Restaurationspolitik kommt es in den Jahren 1848 und 1849 in einigen Teilen Deutschlands zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Ziel der Revolutionäre ist die Auflösung des, durch diese Restauration wiedergeherstellten, strengen Königtums aus der Zeit des Ancien Régime und die Bildung einer „durch Verfassung und parlamentarische Regierungsweise beschränkten Monarchie“ (Walburga Fleermann, 1848, S. 14).

Obwohl daraufhin in der Frankfurter Paulskirche eine erste Verfassung erstellt wird und die Gründung eines Kleindeutschen Reiches bevorsteht, werden die Ziele nicht endgültig umgesetzt und die Revolution durch den wiedererstarkten preußischen Monarchen Friedrich Wilhelm IV. niedergeschlagen.

Mit dem Scheitern der Aufstände geht nachfolgend eine systematische Repression der Revolutionäre und ihres Gedankenguts einher, da sich ein solches Ereignis nicht wiederholen sollte. Viele der in den Prozessen nach der Revolution Angeklagten zogen es deshalb vor, ins Ausland zu flüchten, zumeist nach Großbritannien oder in die Vereinigten Staaten. Dort gibt es bereits bestehende Verfassungen und eine liberalere Politik. Auch aus diesen Beweggründen ziehen zwischen den Jahren 1845 und 1854 230.000 deutsche Einwanderer allein in die USA (Bernd-A. Rusinek, Wirkungen, S. 394).

Diejenigen, welchen die finanziellen Mittel für eine solche Reise fehlen, zieht es in die umliegenden Länder, wie die Niederlande, Belgien oder die Schweiz. Dort verstärkt sich ihre finanzielle Not noch weiter und es kommt zu einer Ablehnung durch die ansässigen Einwohner. Diese Bedürftigkeit führt im Jahr 1850 zu dem Spendenaufruf des Ratinger Anzeigers.

© Florian Heimes, Stadtarchiv

Zum Weiterlesen eignen sich:

Eckard Bolenz, Vom Ende des Ancien Regime bis zum Ende des Deutschen Bundes , in: Verein für Heimatkunde und Heimatpflege Ratingen e.V. (Hg.), Ratingen. Geschichte 1780 bis 1975, Essen 2000, S. 64-74
Walburga Fleermann, Das Jahr 1848 in Ratingen, in: Die Quecke. Ratinger und Angerländer Heimatblätter, Nr. 53 (1983), S. 14-16
Manfred Görtemaker, Deutschland im 19. Jahrhundert. Entwicklungslinien Bonn 1994, S. 63-141
Wolfgang J. Mommsen, 1848 – Die ungewollte Revolution, Frankfurt a.M. 1998, S.285-299
Bernd-A. Rusinek, Wirkungen der Revolution, in: Nordrheinwestfälisches Hauptstaatsarchiv Düsseldorf (Hg.), Petitionen und Barrikaden. Rheinische Revolution 1848/1849, Münster 1998, S.393-396
Erika Stubenhöfer, „Freiheit, Gleichheit, Republik! Wär’n wir doch mit Preußen quitt!“. Ratingen in den Revolutionsjahren 1848/1849, Ratingen 1998, S. 195
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