Boris Nieslony: Das es geschieht

Boris Nieslony, o. T., 2018, Fotomontage, © Boris Nieslony

Werkschau eines Halbruhigen, 2019-1975

28. Juni bis 6. Oktober 2019

Die Arbeiten des international gefragten Performancekünstlers Boris Nieslony (*1945) gehen ans Eingemachte, in die Knochenräume unserer Zeit. Kompromissloses Sezieren des Jetzt und Hier, sich radikal ein- wie aussetzen, anstatt dem Prädikat „Kunst“ nachzueifern – dies leitet den unermüdlichen Begegnungen-Stifter und Grenzüberschreiter. Die vom Künstler konzipierte Ausstellung zeigt die ungeheure Aktualität seines Werkdenkens: Performances, Bild- und Begriffsbefragungen treffen auf neue Installationen, ein Parcours durch Dekaden, von 1975 bis heute, zwischen Paradies, Lebens- und Todesräume. Das Gründen – den Dingen auf den Grund gehen, zu den Dingen „abtauchen“ – ist von Nieslonys künstlerischen Werkprozessen nicht zu trennen.

Boris Nieslonys künstlerische Biographie zeichnet sich durch eine „Praxis des Gründens“ aus: Er begann von Hamburg aus ein Performance-Netzwerk aufzubauen, rief 1981 zum Konzil nach Stuttgart, bei dem 30 Tage lang über 100 Performancekünstler*innen und -interessierte miteinander arbeiteten und diskutierten. Er ist Gründungsmitglied der Performancegruppe Black Market International (BMI) und nahm 1987 an der documenta 8 teil. 2001 gründete er das E.P.I. Zentrum, das Europäische Performance Institut, initiierte 2010 das Aktionslabor PAErsche mit Sitz in Köln und baut seit den 1980er Jahren ein eigenes Performancearchiv auf, das seltenes Material zu unzähligen, auch weniger bekannten Akteuren der Performancekunst archiviert und für internationale Forscher*innen zur Verfügung stellt.

Das Gründen – den Dingen auf den Grund gehen, zu den Dingen „abtauchen“ – ist von Nieslonys künstlerischen Werkprozessen nicht zu trennen. Nach dem Studium wandte er sich von der Malerei ab und der Bildbefragung zu. Das jedes Bild und jeder Begriff sein eigenes Medium mitschaffen muss, legte den Grundstock für das weite Spektrum der Arbeitsfelder. Seine Bild-Cluster in Warburg’scher Tradition zeigen dies und eröffnen den Ausstellungsparcours: Die Besucher begegnen knapp 800 Fotografien zum Verb „tragen“: Eine Schwangere zeigt ihren weiblichen Körper, Theo Waigel trägt ein Kind Huckepack, der Bräutigam die Braut, Fußballer einander im Torjubel, Björk die verrücktesten Haarverflechtungen. „Was Menschen tun und wie“ lautet die entscheidende Frage, die Boris Nieslony schon Ende der 1970er Jahre zum Bildwissenschaftler werden ließ. Seitdem sammelt und untersucht er Bilder und arrangiert sie nach einer mit dem Diagrammatiker Gerhard Dirmoser entwickelten Struktur.

Zusammen mit dem Diagrammatiker Gerhard Dirmoser erarbeitete Nieslony ein acht mal macht Meter großes  Performance-Diagramm, welches in der Ausstellung als begehbare Bodenarbeit ausliegt. Das kreisförmige Schaubild unzähliger Begriffe, angeordnet in 32 Segmenten rund um ein leeres Zentrum, stellt die Frage: Was ist Performance? Nieslonys eigene Tätigkeit als Performer wird in unterschiedlichen Videoarbeiten zu sehen sein. Zwischen sinnlicher Präsenz und strukturierenden Ordnungsgefügen erscheint auch Das Paradies, das in Ratingen seine bisher umfassendste Präsentation erfährt. Glasobjekte, Spiegel und verdichtete Scherbenskulpturen brechen das Licht und interagieren mit unserer Wahrnehmung. Opake Holzobjekte, Zahnräder und technische Spulen, Dreiarme, Linsen oder Objektive – das Sehen steht im Fokus und wird in dieser vielgestaltigen Regalinstallation auf Glasböden herausgefordert.

Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn und ist Teil des Verbundprojekts „100 jahre bauhaus im westen“. Zur Ausstellung erscheint ein Künstlerkatalog im Verlag StrzeleckiBooks, Köln, u.a. mit Texten von Gerhard Dirmoser, Dirk Hildebrandt, Boris Nieslony, Rolf Sachsse und Liane Ditz.

In Kooperation mit

Installationsansichten Boris Nieslony. Fotos: Thomas Reul

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