Das Kind als Wissenschaftler

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Menschenkinder sind von Geburt an wissbegierig und müssen es auch sein, damit sie sich an ihr Leben außerhalb des Mutterleibs anpassen und sie sich ganz langsam und gemächlich zu einem eigenständigen Erwachsenen entwickeln können.

Ab ungefähr drei Monaten sind Babys besonders an Dingen interessiert, die einerseits zwar schon vertraut sind und doch den Reiz des Neuen haben. Sie wollen die Dinge greifen, anschauen, befühlen und mit ihrem Mund erfassen. Wunderbare Forschungsobjekte sind in dieser Phase zum Beispiel: Holzlöffel unterschiedlicher Größe, verschiedene Stoffe, Gefrierdosen aus Plastik, Schachteln mit und ohne Deckel, Bälle, Rasseln und Plastiktassen, Plastikteller, Plastiklöffel. Mit ihnen kann das Baby interessante Experimente machen und eine Menge über seine Welt herausfinden: - welche Materialien rollen weg? - mit welchen kann man Geräusche erzeugen? - welche Dinge gibt es in verschiedenen Farben und Größen? Es gibt schon eine Menge herauszufinden für Ihr Baby, und Ihr kleiner Wissenschaftler ist noch sehr auf Sie als Assistentin oder Assistent angewiesen, die/der weiß, dass Forscher in diesem Alter immer nur einen Gegenstand ausgiebig und in Ruhe erforschen können; eine Kiste mit Spielzeug überfordert Babys in dieser Lebensphase ganz extrem.

Ab dem sechsten Monat etwa lernt Ihr Baby nach und nach, dass es Dinge gibt, die es nicht mit den Händen greifen kann und die hochinteressante Forschungsobjekte darstellen: einen Teppich zum Beispiel kann Ihr Kind weder greifen noch in den Mund stecken, aber es kann ihn berühren, streicheln und darauf schlagen. Ein Fußboden kann zum Beispiel ganz unterschiedlich beschaffen sein: warm, weich, kratzig, hart, kalt, rutschig.

Mit sieben oder acht Monaten gelingt es ihm dann, auch zwei Gegenstände in den Händen zu halten, und wenig später wird es dann feststellen, wie interessant es ist, diese beiden Gegenstände zu kombinieren- also z. B. zwei Holzlöffel zusammen zu schlagen. Und wieder gibt es für Ihr Baby durch seine neu erworbene Fähigkeit so viel zu erforschen und auszuprobieren. Es wird nun zunehmend fähig, seine Hände zu benutzen. Und wenn es etwa mit acht Monaten auf einmal versteht, dass sein Ziehen am Bindfaden dafür sorgt, dass sein Auto auf es zugerollt kommt, wird es entzückt und glücklich sein. Und nun erleben Sie Ihren Wissenschaftler wieder in Aktion:

  • ist das wirklich jedes Mal so? 
  • gibt es vielleicht Ausnahmen? 
  • rollt das Auto immer gleich oder ist es mal schneller und mal langsamer? Immer, wenn Sie das Auto zurückrollen, wird es eine neue Versuchsreihe starten.

Ein weiteres Forschungsprojekt - ungefähr im Alter von 9 Monaten - heißt „bewusst loslassen". Ihr Baby hat einen Gegenstand in der Hand, Sie bitten es zum Beispiel: „gib mir das"; Ihr Kind versteht nun auch, was Sie meinen, hält Ihnen den Gegenstand hin, aber lässt nicht los. Wenn Sie jetzt denken, Ihr Kind will Sie foppen oder ärgern, dann werden Sie vermutlich anders mit der Situation umgehen, als wenn Sie sich vergegenwärtigen, dass das willkürliche Lockern der Finger für Ihr Kind noch ein Problem ist, dass es noch nicht gelöst hat. Ungefähr ein bis zwei Wochen später hat dann Ihr Wissenschaftler eine Lösung gefunden - und nun überprüft er sie in einer langen Reihe von Versuchsanordnungen:

  • fallen alle Dinge hin, wenn ich meine Fingermuskeln lockere?
  • wirklich alle? - und überall? 
  • und wirklich immer? 
  • gibt es Dinge die schweben? 
  • fallen alle Gegenstände gleich schnell? 
  • machen alle Dinge Lärm, wenn sie auf dem Boden landen?

Ihr Kind ist so entzückt darüber, dass es Dinge loslassen kann und gleichzeitig so sehr daran interessiert, was mit den Gegenständen passiert, die es loslässt (es weiß ja noch nichts über die Erdanziehung - in seinen Augen wäre es vermutlich auch möglich, dass ein Plastiklöffel zur Decke schweben würde), dass es Ihren Mangel an Begeisterung an dieser Forschungsreihe nicht versteht. Als wissenschaftliche Assistentin/Assistent kommt Ihnen natürlich die Aufgabe zu, die Versuchsreihen Ihres experimentierfreudigen Wissenschaftlers zu unterstützen und auch zu beenden (kleine und große Forscher vergessen manchmal Zeit und Raum bei ihren Experimenten), aber bitte schimpfen Sie nicht mit Ihrem Kind, es will und kann Sie in diesem Alter noch gar nicht ärgern, sondern es versucht, etwas über die Welt herauszufinden und wie die Dinge sich in ihr bewegen.

In dieser Phase wird Ihr Baby wahrscheinlich auch versuchen, seine Finger in Ihre Nase, Ihre Augen, Ihre Ohren zu bohren, vielleicht wird es Sie auch kneifen. Damit will es Ihnen nicht wehtun, sondern herausfinden, ob Sie das mögen und ob das für Sie in Ordnung ist. Damit Ihr Wissenschaftler lernen kann, dass uns Menschen solche Dinge nicht so sehr gefallen, ist es darauf angewiesen, dass Sie eindeutig und freundlich „nein" sagen und vielleicht auch seine Hand festhalten. Sein Verhalten hat (noch) nichts mit gut oder böse zu tun, es will und muss einfach herausfinden, wie Menschen auf seine Handlungsweisen reagieren, um nicht nur ein kluger sondern auch ein sozial kompetenter Mensch zu werden.

Jedes Kind ist ein Forscher - von Anfang an.

Stadt Ratingen - Jugendamt - Barbara Sorgnitt

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