Geborgenheit

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„Der Mensch wird am Du zum Ich." (M. Buber in „Schriften zur Philosophie")

Bis zur Geburt lebt der Mensch in maximaler Geborgenheit. Er wird über das Blut der Mutter  ernährt. Ein wohliges Klima von Feuchtigkeit und Wärme umgibt ihn. Im Leib der Mutter ist er vor heftigen Körperkontakten geschützt. Lärm und Licht dringen gefiltert auf ihn ein. Er nimmt teil am seelischen Wohlgefühl der Mutter.
Nach der Geburt ist er zunächst ungeschützt. Schutz und Geborgenheit im Körper der Mutter fallen weg. Er wird vielen, unterschiedlich starken, unbekannten Reizen ausgesetzt. Ohne schützende Kleidung, ohne die notwendige Ernährung und Pflege durch andere Menschen kann er nicht überleben. Seine weitere Entwicklung hängt von den Beziehungen zu anderen Menschen ab. 

Daher ist es leicht zu verstehen, wenn das Bedürfnis nach beständigen liebevollen Beziehungen an erster Stelle aller kindlichen Bedürfnisse steht. Wird es gestillt, erlebt das Kind die zum Überleben und zur gesunden Entwicklung notwendige Geborgenheit. Es wird angemessen bekleidet und ausreichend gepflegt, erhält die richtige Nahrung, erlebt schöne Gefühle  und ist vor Gefahren geschützt. Nur so ist ein glückliches Leben sicher.

Die Beziehung des Kindes zu anderen Menschen prägt auch die Entwicklung seiner Persönlichkeit. Von Geburt an nimmt die Liebe zum Kind Einfluss auf sein Temperament, seine Gefühlsreaktion und seinen Austausch mit dem Umfeld, besonders mit der Familie. Aus dieser Beziehung entsteht Bindung, eine von Gefühlen getragene Beziehung zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen.

Bindung zu den Eltern garantiert ein Geborgenheitsgefühl. Dies muss unabhängig von Verdiensten und Leistungen des Kindes sein.
Bindung ist die notwendige Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung. Dauerhafte  Störungen dieser Bindung beeinflussen nachhaltig die Entwicklung. Sie haben ungünstigen Einfluss auf die Gedächtnisfunktion, die Steuerung der Gefühle und die Reifung einer gesunden Persönlichkeit.
Alle Erlebnisse, Eindrücke und Gefühle wie Freude, Sicherheit, Geborgenheit, Angst, Kummer und Verlassenheit hinterlassen ihre Spuren im Gehirn. Sie wirken sich zeitlebens aus.
Die durch die Liebe der Eltern erlebte Geborgenheit ist der beste Nährboden für das Entstehen von Urvertrauen mit innerer Sicherheit und stabilem Selbstbild. Sie sorgt für eine gute Beziehungsfähigkeit und -sicherheit. Durch sie entwickelt das Kind eine gesunde Selbstständigkeit.

Geborgenheit muss „begriffen" werden. Begreifen geschieht durch Hinsehen und Hinhören zum Kind, durch angemessenes Reagieren und Mitmachen, durch zärtliches Berühren und Sich-Freuen im Spiel, durch  Getröstet-Werden und Geschütz-Werden. Vor allem aber durch Zeit-Haben für das Kind! 

 „Der Säugling ist auf das lächelnde Gesicht der Mutter angewiesen, wenn er eine Ahnung davon erhalten will, wer er ist; das Gesicht bildet den Spiegel, in dem er sich erkennen kann. (D. H. Winnecott)

Dr. Ulrich Kohns, Kinderarzt und Kinder- und Jugendlichentherapeut, Essen