Grenzen setzen

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Kinder müssen soziale Fähigkeit erwerben. Sie müssen lernen, die Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen. Mit zunehmendem Alter müssen sie lernen, Gebote, Verbote und Regeln der Familien und der Gesellschaft zu beachten. Aus dem Kind, dessen Bedürfnisse zunächst im Vordergrund stehen, muss ein soziales Wesen werden. Es muss fähig werden, die Regeln des Zusammenlebens zu  beachten. Indem es eigene Bedürfnisse zurückstellen kann, wenn es wirklich nötig ist, wird es in der Familie und der Gesellschaft zurechtkommen und sich wohl fühlen.

Daher gehört zu den sieben Grundbedürfnissen des Kindes das Bedürfnis des Kindes nach Grenzen und Strukturen. Nur wenn dieses Bedürfnis angemessen befriedigt wird, werden dauerhafte Probleme im Umgang mit anderen Menschen vermieden.

Die Beachtung sinnvoller Grenzen und Regeln ist für eine gefahrlose körperliche Entwicklung notwendig. Wird das Einhalten von Regeln und Grenzen nicht gelernt, kann es zu Unfällen, Verletzungen bei sich selbst und Schädigungen bei anderen kommen.

Die Beachtung sinnvoller Grenzen und Regeln trägt zur gesunden seelischen Entwicklung bei. Gebote, Verbote und Rituale geben Orientierung für richtiges Verhalten. Sie schützen das Kind vor Überforderung, da es die Tragweite seines Verhaltens aufgrund des Alters nicht abschätzen kann. Sie helfen ihm, die im Umgang mit anderen notwendigen sozialen Fähigkeiten zu erwerben. Als rücksichtsvolles Kind wird es in der Gesellschaft angenommen und fühlt sich selbst sicher und wohl.

Die Beachtung sinnvoller Grenzen und Regeln ist für das Kind eine Herausforderung. Das Kind muss lernen, mit unangenehmen Gefühlen wie Enttäuschung und Zorn umgehen zu können. Es muss fähig  sein, in einigen Situationen auf unangemessene Selbstbehauptung, überhöhte Wunscherfüllung und unrealistische Ziele zu verzichten. Dieser nicht leichte Lernprozess muss altersgemäß zugemutet werden. Lernt es nicht, seine negativen Gefühle zu ertragen und zu regulieren, entstehen nicht realistische Vorstellungen über Erfüllbarkeit der Wünsche und Erreichbarkeit der Ziele. Die entstehende Größenphantasie hat zwangsläufig Misserfolge und Scheiter an der sozialen Wirklichkeit zur Folge. Die dauerhaft schwer zu ertragenden Enttäuschungen mit der damit verbundenen emotionalen Überlastung führt nicht selten zu späteren Verhaltensauffälligkeiten und Störungen in der Persönlichkeitsentwicklung.

Für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung und Sozialentwicklung sind liebevolle Grenzsetzungen in Form von Geboten, Verboten und Rituale, die sich am Entwicklungsalter orientieren, unverzichtbar.

Mit Hilfe liebevoller Zuwendung der Eltern lernt das Kind, Grenzen entsprechend den sozialen Anforderungen und den entwicklungsbedingten Möglichkeiten einzuhalten. Das Kind gewinnt dadurch Schutz, Geborgenheit, Orientierung, Halt und Sicherheit.

Das Einfordern der Beachtung von Grenzen muss wertschätzend, nicht demütigend oder verletzend geschehen. An der Liebe der Eltern zum Kind darf trotz augenblicklicher Enttäuschung und Aggression des Kindes kein Zweifel aufkommen. Wenn notwendigerweise ein bestimmtes Verhalten des Kindes eingefordert werden muss oder ein anderes Verhalten nicht geduldet werden kann, muss sich das Kind der Zuneigung der Eltern sicher sein. Jegliche Gewalt der Eltern in Form körperlicher Gewalt,  sprachlicher Aggression und emotionaler Verletzung lässt erhebliche Zweifel an der elterlichen Fürsorge, Zuwendung und Beziehung aufkommen.

Gebote, Verbote und Rituale müssen zum Entwicklungsstand des Kindes passen. Für Kleinkinder und Kinder gelten oft andere Grenzen als für Schulkinder oder Jugendliche. Mit zunehmendem Alter werden ein frühzeitiges Einbeziehen des Kindes in die Absprache über Regeln, klare und einfache Begründungen und Aufklärung über die Folgen von Regelverstößen immer notwendiger. Dabei muss nicht selten mit dem Kind/Jugendlichen wegen widersprechender Interessen gerungen werden. Die gegenseitige Zuneigung und Beziehung wird dann nicht gefährdet, wenn klar ist, dass mit der Forderung nach Einhalten von Regeln nicht die Person an sich sondern ihr Verhalten zu Diskussion steht.  Eine solche Erziehung sorgt für eine wenig gefährdete körperliche Entwicklung und für glückliche Beziehungen.

Eltern sind Vorbilder und Kinder orientieren sich am elterlichen Verhalten. Gebote, Verbote und Rituale müssen auch von den Eltern eingehalten werden. Ein gutes Vorbild ist das beste Lernmodell für Kinder. Vom Kind kann letztlich nur eingefordert werden, was vorgelebt wird.

Von Theodor Fontane ist der Satz „<Aus der Hand der Eltern> ist nicht eigentlich das richtige Wort, wie die Eltern sind, wie sie durch ihr bloßes Dasein auf uns wirken, das entscheidet."

Dr. Ulrich Kohns, Kinderarzt und Kinder- und Jugendlichentherapeut, Essen