Bindung

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Jeder Säugling hat die angeborene Sehnsucht nach Nähe zu seinen vertrauten Bezugspersonen. Wenn er sich müde, krank, einsam oder unsicher fühlt, versucht er mit Verhaltensweisen wie weinen, lächeln, anklammern, nachfolgen, schreien, die Nähe zu vertrauten Menschen wieder herzustellen.

 Er benötigt in diesen Momenten dringend vertraute Personen, die auf diese Verhaltensweisen eingehen, die ihn trösten, streicheln, mit ihm sprechen, ihm Sicherheit und das Gefühl geben, dass jemand für ihn da ist.

Wie existenziell wichtig die Bindung an vertraute Personen für ein Baby ist, verdeutlicht auch ein Experiment, das auf Anordnung des Hohenstaufenkaisers Friedrich II.  durchgeführt wurde. Dieser wollte herausfinden, welche Sprache Menschen von „Natur aus" sprechen und ordnete an, dass mit einer Gruppe neugeborener Waisenkinder nicht geredet werden dürfe. Er befahl den Ammen, ausschließlich die örperlichen Bedürfnisse wie Ernährung und Körperpflege der Säuglinge zu befriedigen, aber nicht mit den Kindern zu sprechen, ihnen nichts vorzusingen und sie auch nicht zu streicheln und zu liebkosen. Der Ausgang des Experimentes war erschreckend - die Kinder starben.„Denn sie vermöchten nicht zu leben, ohne das Händepatschen und das fröhliche Gesichterschneiden und die Koseworte der Ammen."'*

In den 50er Jahren hat John Bowlby, ein englischer Kinderpsychiater und Psychotherapeut, die Bedeutung der Bindung für die seelische Gesundheit von Babys und Kleinkindern untersucht; inzwischen haben Bindungsund Säuglingsforscher auf der ganzen Welt durch zahlreiche Untersuchungen und Beobachtungen Bowlbys Bindungstheorie bestätigt.

In ihren vielfältigen Untersuchungen haben sie festgestellt, dass Eltern, die feinfühlig, schnell und angemessen auf die Signale ihres Babys reagieren, mit großer Wahrscheinlichkeit am Ende des ersten Lebensjahres ein sicher gebundenes Kleinkind haben werden. Sicher gebundene Kinder zeigen bereits im zweiten und dritten Lebensjahr mehr Fantasie, mehr positive Gefühle und mehr Ausdauer. Sie sind konzentrierter und erfindungsreicher als unsicher gebundene Kinder und zeigen größere soziale Fähigkeiten. Im Alter von 10 Jahren haben sicher gebundene Kinder einige gute Freunde und weniger Probleme mit Gleichaltrigen. Sie verlassen sich darauf, dass wenigstens ein Elternteil sie unterstützt und sie fühlen sich von ihren Eltern nicht ausgenutzt oder bevormundet.**

Die Fähigkeit, mit schmerzlichen Gefühlen nicht allein zu bleiben und eine vertraute Person um Hilfe, Unterstützung und Trost bitten zu können, scheint auch eine entscheidende Eigenschaft von bindungssicheren Kindern während ihres gesamten Lebens zu sein.

Stadt Ratingen - Amt für Kinder, Jugend und Familie - Barbara Sorgnitt

*   aus: Emil Schmalohr: Frühe Mutterentbehrung bei Mensch und Tier
** nachzulesen in: Martin Dornes „Die frühe Kindheit - Entwicklungspsychologie
der ersten Lebensjahre"