Kleine Wappenkunde

(von Joachim Schulz-Hönerlage)

Wappen entstanden im Mittelalter als Kennzeichen, die auf der militärischen Ausrüstung der Ritter angebracht wurden. Das mittelhochdeutsche Wort ,wapen', auf das der heutige Begriff ,Wappen' zurückgeht, bedeutet nichts anderes als ,Waffen'. Die Kennzeichnung der Ritter wurde notwendig, weil durch die geschlossene Rüstung mit einem das Gesicht bedeckenden Helm eine Unterscheidung der Kämpfenden nicht mehr möglich war. Deshalb wurden zunächst auf dem Schild, später auch auf dem Helm und der Pferdedecke einfache, leicht zu identifizierende Abzeichen abgebildet, die es erlaubten, die gemeinsam für einen Landes- bzw. Lehnsherrn kämpfenden Ritter zu erkennen. Die Ritter übernahmen später diese Zeichen des Lehnsherrn, modifizierten sie oder entwarfen sich neue Zeichen und legten sich auf diese Weise persönliche Wappen zu. Dieser Brauch der Ritter und Adeligen übertrug sich während des 13. Jahrhunderts auf die übrigen gesellschaftlichen freien Stände wie das städtische Bürgertum oder kirchliche Amtsträger sowie auch auf, wie wir heute sagen, juristische Personen, also Klöster, Bistümer, Städte und Zünfte.

Der Schild lieferte für das Wappen die passende äußere Form, die man darüber hinaus hervorragend den jeweiligen Bedürfnissen sowie familiären und politischen Veränderungen anpassen konnte - so wurden beispielsweise bei einer Heirat die Wappen der beiden Familien in einem neuen gemeinsamen Wappen vereinigt, oder es wurden bei der Zusammenführung zweier Territorien, sei es durch Erbschaft oder kriegerische Ereignisse, die bisherigen Wappen in einem neuen Schild vereinigt.

Städte begannen im 12./13. Jahrhundert, sich Wappen als Erkennungszeichen zuzulegen. Diese waren in der Regel auf den Siegeln neben anderen Symbolen und Bildern zu sehen. Ist auf einem Siegel nur das Wappen abgebildet, wie es heute häufig der Fall ist, spricht man von Wappensiegeln. In vielen Fällen trugen sicher auch die städtischen Bürger, sofern sie als Bürgerwehr oder städtisches Aufgebot für den Landesherrn in Erscheinung traten, das städtische Wappen auf ihren Ausrüstungen und Fahnen, wie wir es auch für Ratingen annehmen können.

Neben dem Schild, dem eigentlichen Träger des Wappens, der auch die äußere Form vorgab, gehörten noch folgende Zeichen zu einem vollständigen Wappen: der Helm und die Helmzier, ggf. die Krone oder andere Herrschaftszeichen sowie verschiedene Prunkstücke wie Schildhalter, Wappenzelte und -mäntel, Amtszeichen oder Devisen.

Bei der Erstellung eines Wappens mussten bestimmte Regeln eingehalten werden, damit das Wappen seinem ursprünglichen Zweck - der Unterscheidung der Ritter im Kampf - dienen konnte. Die Wappen sollten deshalb immer klar und übersichtlich gegliedert sein, d. h. viele kleine Figuren und Zeichen oder eine ungleichmäßige Aufteilung innerhalb des Wappenschildes verhinderten die schnelle Identifizierung. Dazu kam die Beschränkung bei den Farben - den sog. Tinkturen. So wurden zwei Metalle - gold und silber - und die Farben schwarz, blau, rot und grün, seltener auch purpur, benutzt. Die sog. Metall-Farbe-Regel besagt, dass auf Farbe Metall folgen muss und umgekehrt. Ganz wichtig bei der Gestaltung des Wappens war die Stilisierung der abgebildeten Zeichen oder Gegenstände. Nicht naturgetreue Wiedergabe war gefordert, sondern eine prägnante und eindeutige Darstellung des jeweiligen Zeichens oder Gegenstands. Perspektivische Abbildungen sind nicht erlaubt, auch Bauwerke, Landschaften u. ä. sollten in der Regel nicht verwendet werden.

In der Heraldik hat sich für die Beschreibung eines Wappens eine eigene Sprache entwickelt - die Blasonierung. Dabei bemüht man sich um eine möglichst kurze und erschöpfende Beschreibung. Alles Selbstverständliche und häufig Vorkommende ist wegzulassen. Das Wappen wird immer aus der Sicht des Schildhalters beschrieben, so dass für den Betrachter rechts und links vertauscht sind. Die Beschreibung beginnt immer mit der oberen rechten Ecke des Schildes und endet in der linken unteren Ecke.

Bei den Wappenzeichen, also die in den Wappen verwendeten Abbildungen, unterscheidet man zwei Gruppen: die Heroldsbilder und die gemeinen Figuren. Mit Heroldsbildern bezeichnet man alle geometrischen Objekte im Schild, also z. B. Teilungen, Balken, Pfähle, Sparren, Spitzen oder Kreuze. Die Heroldsbilder waren die ersten vorkommenden Wappenzeichen. Es ist zu vermuten, dass viele von ihnen ursprünglich als Schildbeschlag vorkamen, um die Schildfläche gegen Schwertschläge zu stärken. Gemeine Figuren sind Bilder, die aus der Natur und Alltagswelt oder aus der Fabelwelt übernommen wurden. So sind auf den Wappen Himmelskörper, Pflanzen, Tiere und Vögel, Fabelwesen, Menschen, Bauwerke oder Gegenstände zu sehen. Alle Wappenzeichen, sowohl die Heroldsbilder als auch die gemeinen Figuren, dürfen auf alle nur denkbare Art und Weise miteinander verbunden und kombiniert werden, sofern man sich an die heraldischen Regeln hält. Wappen mit Figuren, die auf den Namen des Wappenträgers schließen lassen, nennt man "redende" Wappen.

Bei den Wappenzeichen handelt es sich im Grunde genommen um verkürzte Botschaften: Sie sollen eindeutig auf den jeweiligen Träger des Wappens hinweisen und ihn identifizieren helfen. Gerade stilisierte Gegenstände als Wappenzeichen kann man als eine Art Bilderschrift, als "sinnbildliche Typen", verstehen, die dem Betrachter sofort signalisieren sollen, um welche Person, Familie oder juristische Person es sich handelt. Die heute in vielen Gemeinden, Städten und Kreisen zu beobachtende Entwicklung, sich neben dem Wappen noch ein modernes ,Logo' oder ,Signet' zuzulegen, konterkariert eigentlich das Wappen, weil es sich bei einem Wappen letztlich um ein solches ,Logo' - also um ein Erkennungs- und Identifikationszeichen - handelt, das, wie unter anderem im Falle Ratingens, schon seit Jahrhunderten in Gebrauch ist.