Zeit des Nationalsozialismus - Warum neue Ortswappen nach 1933?

(von Erika Münster-Schröer)

Breitscheid, Eggerscheidt, Hösel, Homberg, Lintorf: Entstehung und Verwendung von Wappen in der Zeit des Nationalsozialismus

In Gegensatz zu den Städten, die seit alters her über die Stadtrechte verfügt hatten, wie z. B. auch Ratingen, und die Wappen nach Genehmigung im Deutschen Reich als Hoheitszeichen führen durften, wurden Dörfer zunächst nicht als "wappenfähig" angesehen. Sie waren in vielerlei Geschäften, in Gegensatz zu den Städten, rechtlich stark eingeschränkt und konnten nur weniges ohne den Landrat und die königliche Regierung entscheiden. Deshalb waren sie zu Samtbürgermeistereien zusammengefasst. Manche Ortschaften waren nur kleine Streusiedlungen oder einzelne Bauernschaften. In manchen Gegenden, in denen, wie im Ruhrgebiet, die Industrialisierung Fuß gefasst hatte, entstanden allerdings Industriedörfer mit fast 100 000 Einwohnern, die oftmals erst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, in rechtlichem Sinne, zu Städten wurden.

Mit dem industriellen Aufschwung Deutschlands nach der Reichsgründung von 1871 veränderten sich auch die Kommunalverwaltungen. So entstand durch die zunehmende Abwicklung von Genehmigungsverfahren und Überwachungen, um nur ein Beispiel zu nennen, ein viel größerer Schriftverkehr, als es zuvor notwendig war. Die Korrespondenzen mussten einen amtlichen Charakter haben, und so behalfen sich viele Gemeinden, die nicht wappenfähig waren, mit dem preußischen Adler, den sie ähnlich wie ein Hoheitszeichen verwendeten.

Nachdem aber von staatlicher Seite bereits im Jahr 1889 hinsichtlich der Dienstsiegel verfügt worden war, dass der preußische Adler darin nicht mehr verwendet werden dürfe, untersagte ein Erlaß vom 18. August 1923 den Landgemeinden auch den Adler auf Amtsschildern - und so wurde ein erster Anstoß für die Landgemeinden gegeben, sich eigene Wappen zuzulegen, was nun auch rechtlich möglich war. Neu zu schaffende Wappen sollten örtliche Kennzeichen im Sinne einer individuellen Verkörperung einer Gemeinde sein.

War im 19. Jahrhundert noch das königliche bzw. kaiserliche Heroldsamt für die Begutachtung der Wappen zuständig, so ging diese Aufgabe 1925 an die Staatsarchive über. Diese sollten die Vorschläge der Gemeinden prüfen und beurteilen, bevor ein Votum abgegeben wurde. Vielfach gaben die alten Schöffensiegel Vorbilder für die Ausgestaltung der neuen Wappen ab. Es wurde aber seit 1932 auch empfohlen, Formen und Bilder der modernen Umwelt zu verwenden. Die Staatsarchive sollten in dieser Hinsicht beratend tätig werden und geeignete Künstler für die Ausgestaltung empfehlen, damit den heraldischen Grundsätzen Genüge getan werde. Die Staatsarchive brachten in diesem Zusammenhang das Argument vor, man wolle die Gefahr der Uniformität der Heraldik verhindern. Nachdem zunächst das preußische Staatsministerium bzw. später das Innenministerium die Genehmigung aussprach, ging das Verfahren mit der deutschen Gemeindeordnung von 1935 auf die Oberpräsidenten der auch nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten erhaltenen Provinzen über. Die Führung des Hakenkreuzes als Hoheitszeichen auch in den Wappen wurde durch den Reichsminister des Innern am 9. Januar 1934 verboten, obwohl mehrere Kommunen, z. B. die Stadt Wuppertal, solche Anträge bald nach der Machtergreifung gestellt hatten.

Die Gemeinden des Amtes Angerland befassten sich seit 1934 mit der Frage, neue Wappen entwerfen zu lassen, da sie inzwischen ebenfalls "wappenfähig" geworden waren. In einer Akte des Amtes Angerland ist näheres dazu überliefert: Der Amtsbürgermeister Hinsen schrieb 1934 an den Düsseldorfer Heraldiker Wolfgang Pagenstecher, der durch das dortige Staatsarchiv empfohlen worden war, und schilderte ihm sein Problem.

Es ging ihm zunächst darum, ein Wappen für die Bürgermeisterei Ratingen-Land einzuführen, und er verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass bereits im Jahr 1888 in Angermund ein Siegel eingeführt worden sei, das einen Heiligen mit Mitra, also einen Bischof, gezeigt habe, und auf seinem Schild sei der bergische Löwe abgebildet gewesen. Diese Darstellung sei einem Siegel einer Urkunde aus dem Jahr 1530 entlehnt gewesen. Die Gemeinde könne aber keinen Nachweis über die Verleihung des Wappens führen, deshalb sei geplant, einen neuen Antrag zu stellen. Pagenstecher antwortete, es solle die Meinung des Staatsarchivs zu der Frage eingeholt werden, ob die Bilddarstellung, die das Siegel enthalte, als Wappen für das Amt geeignet sei.

Die Beratungen ergaben dann, dass ein anderes Wappen entworfen werden sollte: für das Amt ein Löwe auf silbernem Schild, umgeben von sechs goldenen Sternen, für den Ort Angermund ein roter Turm mit Helmdach, vor dem Tor ein Wappenschild mit einem bergischen Löwen und dahinter das blaue Flussband der Anger. Weil Angermund eine alte Stadtfreiheit war, durfte der Ort ein etwas aufwendiger ausgestaltetes Wappen führen, als es sonst für eine kleine Landgemeinde üblich war.

Dass die Darstellung eines Heiligen nicht mehr weiter diskutiert wurde, lag darin begründet, dass die Nationalsozialisten kirchliche Symbole generell ablehnten. Dies geht deutlich aus einem Erlass des Jahres 1937 des Reichs- und preußischen Innenministeriums hervor, in welchem es hieß:

"In der letzten Zeit sind in zahlreichen Fällen Gemeindewappen verliehen worden, die ihren Ausgangspunkt von den Wappen mittelalterlicher Territorien nehmen (z. B. Kurköln, Kurtrier). Ebenso werden hier und da noch die Siegel landesherrlicher Landgerichte zum Ausgangspunkt für die Neuanschaffung von Gemeindewappen genommen und die in diesen Siegeln dargestellten Heiligen oder sonstige kirchliche Embleme (z. B. Bischofsmützen, Bischofsstäbe) in die neuen Gemeindewappen übernommen. Diese historischen Zusammenhänge sind heute der Bevölkerung bzw. der betreffenden Gemeinde kaum noch bewußt; zum anderen Teil stehen sie aber auch mit der Entwicklung der Gemeinde nicht in einem so engen Zusammenhang, dass ihre Übernahme in neu zu schaffende Wappen nicht gerechtfertigt wäre.

Im Einvernehmen mit dem Stellvertreter des Führers ersuche ich deshalb, in Zukunft an Stelle dieser Sinnbilder für die Gemeindewappen andere zu wählen, die entweder an sonstige geschichtliche Ereignisse anknüpfen oder die besondere Eigenart der Gemeinde in der Gegenwart und die gegenwärtige Zeitlage zum Ausdruck bringen."

Waren also zum einen die Kommunen, denen erst zur Zeit der Weimarer Republik die Führung von Wappen zugestanden wurde, initiativ geworden, um für sich ein Hoheitszeichen zu schaffen, gingen nach der Machtergreifung von 1933 noch andere Bestrebungen mit diesem Anliegen eine Koalition ein: Begriffe wie "Heimat" und "Heimatkunde" waren für die Nationalsozialisten sehr wichtig, und die Symbolik der Gemeinde- und Stadtwappen war damit eng verwoben. Dem "Volkstum", als Abgrenzung gegen "Fremde" und "Fremdes" - diesen Begriffen kam in der nationalsozialistischen Ideologie eine zentrale Bedeutung zu. Natürlich war das Interesse für "Heimat" nicht allein durch die Nationalsozialisten begründet worden, sondern hatte seine Wurzeln bereits in den 1920er-Jahren und ist wohl als ein Ausdruck auf die "Entwurzelungserfahrungen" vieler Menschen anzusehen, die durch den Ersten Weltkrieg ausgelöst worden waren. Dies machten sich die Nationalsozialisten für ihre politischen Zwecke zu eigen.

Vor diesem Hintergrund müssen auch die Vorschläge für die Gestaltung der Wappen für die Gemeinden des Amtes Ratingen-Land gesehen werden, die auch so umgesetzt wurden. Hier sollen die Motive und ihre Diskussion im Einzelnen kurz nachgezeichnet werden. Die jeweiligen Erläuterungen des Heraldikers, die unter fachhistorischen Aspekten als sehr kritisch zu sehen sind, um nicht von "Geschichtsklitterung" zu sprechen, sind im Anhang dieses Beitrags aufgeführt. Weitere Einzelheiten sind auch den Abbildungen der einzelnen Wappen zu entnehmen.