Geschichte - Das Ratinger Kennzeichen: Löwe und Rad

(von Joachim Schulz-Hönerlage)

Der heute noch im Ratinger Wappen zu sehende Löwe stammt aus dem Wappen der Grafen von Berg, die Ratingen 1276 die Stadtrechte verliehen haben. Er ist auch heute noch in vielen Städten des Bergischen Landes Teil des Wappenbildes. Dieses gräfliche Wappen ist seinerseits aus zwei verschiedenen, zuvor eigenständigen Wappen entstanden. Der heute so genannte ,Bergische Löwe' ist eigentlich ein ,Limburger Löwe'. Nach dem gewaltsamen Tod des Grafen Engelbert II. im Jahr 1225, der gleichzeitig Erzbischof von Köln war, wurde Heinrich von Limburg, der mit einer Nichte Engelberts, Irmgard von Berg, verheiratet war, neuer Graf von Berg. Er vereinigte sein eigenes Wappen, den Löwen, mit dem alten bergischen Wappen, dem unten gezinkten Balken. Das Ergebnis war der nach rechts gewendete, bekrönte Löwe, auf dem in Höhe des Halses der gezinkte Balken wie ein Turnierkragen abgebildet war. Dieses Wappen, das uns hauptsächlich von Graf Adolf V. von Berg überliefert ist, ist auf dem ersten Ratinger Stadtsiegel zu sehen. Die Stadt Leverkusen führt heute ein Wappen, das diesem ursprünglichen Wappen ziemlich ähnlich ist, und auch auf dem Wappen der Stadt Wipperfürth, auf dem heute noch das Bildprogramm des mittelalterlichen Stadtsiegels zu sehen ist, ist dieses alte bergische Wappen noch vorhanden. Der Turnierkragen fiel bei den späteren Grafen und dann Herzögen von Berg weg, übrig blieb nur der Löwe. Eine Frage, die häufig gestellt wird, will ich in diesem Zusammenhang noch ansprechen: Warum hat der Löwe zwei Schwänze? Hier sind wir auf Vermutungen angewiesen. Der zwiegeschwänzte Löwe taucht das erste Mal nach dem Anfall des Hauses Luxemburg an das Haus Limburg zu Beginn des 13. Jahrhunderts auf, so dass wir annehmen, dass es sich bei dem Löwen um eine Form der Wappenvereinigung handelt. Da beide Familien den Löwen als Erkennungszeichen führten, wurde als neues Symbol ein Löwe mit zwei Schwänzen genommen, der die Vereinigung dokumentieren sollte.

Das Rad begegnet uns zum ersten Mal in dem sog. jüngeren Stadtsiegel aus dem 15. Jahrhundert. Um eine eindeutige Identifizierung der Stadt möglich zu machen, wurde der Schild gespalten und dem ,Bergischen Löwen' in der unteren Hälfte ein Rad zugefügt. Dieses Rad, bestehend aus sechs Speichen, sollte sicherstellen, dass die Stadt Ratingen sofort und ohne jeden Zweifel anhand des Wappens erkannt werden konnte.

Über die Frage, was das Rad eigentlich zu bedeuten hat, gingen die Meinungen immer wieder auseinander, und auch ich kann keine verbindliche Interpretation liefern, weil es keine überlieferten Informationen darüber gibt. So bleibt mir nur, an dieser Stelle die verschiedenen Deutungen für das Rad wiederzugeben.

Die erste und unwahrscheinlichste Interpretationsmöglichkeit, die oft genannt wird, bezieht sich auf das Ratinger Stadtgericht, das im Rahmen der Stadterhebung im Jahr 1276 eingerichtet wurde. Das Rad, als Richtrad interpretiert, könnte als Symbol für dieses Stadtgericht gedeutet werden. Hier kann man allerdings einwenden, dass Ratingen mit seinem Stadtgericht keineswegs ein Einzelfall war und auch andere Städte im damaligen Herzogtum Berg ein eigenes Stadtgericht hatten (z. B. das benachbarte Düsseldorf oder Lennep). Anhand des Wappens könnte man also Ratingen bei dieser Deutung nicht mehr zweifelsfrei von anderen Städten unterscheiden.

Einige Indizien deuten noch auf eine zweite Möglichkeit hin: Da es sich bei dem Ratinger Rad wegen der über das Rad hinausgehenden Speichen offensichtlich um ein Richtrad handelt, also ein Folter- und Hinrichtungsinstrument, könnte es auf das Martyrium der heiligen Katharina von Alexandrien hinweisen, die in Ratingen im Mittelalter ein besondere Verehrung erfuhr und vielleicht sogar als Stadtpatronin verehrt wurde. Katharina sollte, so erzählt es die Legende, mit einem messerbewehrten Rad gefoltert werden, wovor sie jedoch ein Engel rettete. Sie ist deshalb unter anderem die Patronin der Scherenschleifer - einem Handwerk, das in Ratingen im Mittelalter eine große Bedeutung hatte und die Blütezeit der Stadt im 14. und 15. Jahrhundert in entscheidender Weise beeinflusst hat. Ein weiterer Hinweis für die besondere Verehrung der hl. Katharina begegnet uns schon um 1300: Die noch heute im Turm von St. Peter und Paul hängende, älteste Glocke ist die Katharinenglocke, von der man annimmt, das sie um diese Zeit gegossen wurde. Und es gibt noch ein Indiz: 1394 stiftete Bruno Meens, Pfarrer in Ratingen, seiner Kirche eine kostbare Monstranz, die noch heute im Gottesdienst Verwendung findet. Das besondere an dieser gotischen Monstranz ist u. a. das reiche Figurenprogramm. An herausragender Stelle sind die vier "Patrone" der Monstranz dargestellt: Petrus als Patron der Ratinger Pfarrkirche, Viktor von Xanten (Bruno Meens war am Stift in Xanten gleichzeitig Kanonikus), Helena als Gründerin des Stiftes von Xanten und Katharina. Die Heilige ist mit einem sechsspeichigen Rad (!) in der Hand zu sehen. Darüber hinaus hat es in Ratingen seit dem 15. Jahrhundert die Katharinenvikarie gegeben, die offensichtlich für die Stadt eine große Bedeutung hatte, weil sich gerade um diese Vikarie während der Reformation die größten Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten abspielten. Es könnte sich also bei dem Rad im Stadtwappen sehr wohl um das Attribut der heiligen Katharina handeln.

Es war im Mittelalter keineswegs unüblich, die Attribute von Heiligen, die in der Stadt besonders verehrt wurden oder/und von denen man sogar Reliquien in der Stadt verwahrte, in das städtische Wappen aufzunehmen und sich damit deutlich unter den Schutz dieses oder dieser Heiligen zu stellen. Bekanntes Beispiel hierfür ist das Wappen der Stadt Köln: Dort werden als Zeichen der Heiligen Drei Könige drei Kronen im Wappen gezeigt. Auch der Schlüssel als Symbol des heiligen Petrus wird, sofern es sich anbietet, gerne im Wappen verwendet, z. B. in Krefeld oder Zülpich. Gegen das Rad als Attribut der heiligen Katharina im Wappen spricht allerdings, dass man mit dem Rad nicht sofort diese Heilige assoziiert, wie es mit dem Schlüssel bei Petrus ist. Aufgrund der Vielzahl ihrer Patrozinien wird die Heilige mit vielen verschiedenen Attributen dargestellt: Rad, Palme, Buch, Schwert oder eine gekrönte männliche Figur zu ihren Füßen. Eindeutig wäre es hingegen, wenn im Ratinger Wappen die heilige Katharina mit dem Rad in der Hand zu sehen wäre, wie es auf der Monstranz zu sehen ist.

Zum dritten kann es sich um ein sog. ,redendes' Wappen handeln, in dem Figuren oder Zeichen abgebildet sind, die auf den Namen der Stadt schließen lassen. In unserem Fall würde das Rad den ersten Teil des Namens Ratingen bildlich wiedergeben. Diese Möglichkeit ist, wenn man die Vorliebe des Mittelalters für Bilder und Symbole berücksichtigt und weiß, dass in vielen Städten redende Wappen benutzt wurden (z. B. der Eimer im Wappen der Stadt Emmerich), nicht unwahrscheinlich.

Letztlich haben wir keinen eindeutigen Beweis, welche Bedeutung das Rad im Wappen hat. Wer aber die Vorliebe des Mittelalters für Symbolik kennt und darüber hinaus berücksichtigt, dass ein Wappen eine schnelle und zutreffende Identifizierung ermöglichen sollte, der wird kaum umhin können, das Rad als redendes Zeichen zu sehen, das keinen weiteren und vor allem tieferen Sinn hat.