Geschichte - Vom Mittelalter bis heute

(von Joachim Schulz-Hönerlage)

Wenn man sich dem Ratinger Marktplatz von der Düsseldorfer oder Bechemer Straße her nähert, fällt er sofort ins Auge: der Marktbrunnen. Auf einer im Brunnenbecken stehenden Säule erhebt sich stolz das Ratinger Wappentier, der Löwe, und hält vor sich ein sechsspeichiges Rad. An dem mit fünf Ausbuchtungen ausgestatteten Brunnenbecken befinden sich die Wappen der seit der kommunalen Neugliederung von 1975 zu Ratingen gehörenden Ortsteile Lintorf, Breitscheid, Eggerscheidt, Hösel und Homberg-Meiersberg. Ratingen-West und Tiefenbroich, für die es erst seit 1975 ein gemeinsames Wappen gibt, fehlen hier. Die Wappen und besonders das einzige, tatsächlich rechtlich ,gültige' Wappen, das Ratinger Stadtwappen, sind im öffentlichen Leben der Stadt präsent: ob hier im Zentrum der Stadt, ob im Ratssaal, ob auf den Standarten und Fahnen von Schützenkompanien und Karnevalsgesellschaften, ob auf dem städtischen Briefkopf oder nur als stilisierte Wappenzeichen, die für jedermann zu nutzen sind. Dass die beiden Ratinger Symbole Löwe und Rad schon seit Jahrhunderten die Stadt symbolisieren, ist nicht jedem bekannt. Im Folgenden soll deshalb der Versuch unternommen werden, die Entwicklung und die Bedeutung des Wappens nachzuzeichnen.

Die Hauptsatzung der Stadt Ratingen enthält die Festlegung und Beschreibung des Ratinger Wappens: "Das Wappen der Stadt zeigt in quergeteiltem Schild im oberen Feld in Silber einen nach rechts gewendeten, halben wachsenden, zweischwänzigen, blaugekrönten und blaubekrallten roten Löwen, im unteren Feld in Rot ein silbernes Richtrad mit sechs Speichen." Das Wappen gilt als Hoheitszeichen und wird deshalb unter anderem im Dienstsiegel und Briefkopf der Stadt geführt und auf der Stadtflagge gezeigt. Es dient gleichzeitig auch als Erkennungs- und Identifikationszeichen der Stadt, darf aber nicht zu privaten Werbezwecken verwendet werden.

Das Ratinger Wappen in der heutigen Form hat eine lange Geschichte. Es ist uns erstmals auf einem Stadtsiegel des 15. Jahrhunderts überliefert und zeigt - wie heute immer noch - den halben, wachsenden Löwen im oberen Feld und das sechsspeichige Rad im unteren Feld. Doch auch dieses Wappen hat noch einen Vorläufer, der aber eigentlich nicht als Ratinger Wappen bezeichnet werden kann. Auf dem ältesten Ratinger Stadtsiegel, das kurz nach der Stadterhebung, also nach 1276, entstanden sein muss, ist oberhalb der darauf abgebildeten Kirche das Wappen der bergischen Grafen zu sehen. Mit der Abbildung des Wappens auf dem Siegel erkennt die Stadt die Oberhoheit der Grafen von Berg über die Stadt an und zeigt sich gleichzeitig zum Herrschaftsbereich der Grafen zugehörig.

Die beiden beschriebenen Elemente des Stadtwappens - Löwe und Rad - blieben in den folgenden Jahrhunderten immer Bestandteil des Wappens, wenn auch die Anordnung innerhalb des Schildes sich ändern konnte. So ist zum Beispiel auf dem Amtssiegel der Schöffen, das uns aus dem 16. Jahrhundert als Wappensiegel überliefert ist, der Löwe dargestellt, der das Rad, ähnlich wie beim heutigen Marktbrunnen, in seinen Pranken hält. Es ist zu vermuten, dass die Stadt auf der einen und das Schöffengericht auf der anderen Seite - gemäß ihrer unterschiedlichen Aufgaben und Funktionen - verschiedenartige Siegel und Wappen führten.

Das Wappen selbst wurde vermutlich überwiegend in Zusammenhang mit dem Stadtsiegel bzw. Schöffensiegel verwendet, vielleicht waren darüber hinaus auch die städtischen Schützen mit Schilden und Fahnen ausgerüstet, auf denen das Stadtwappen abgebildet war. Dass solche Schilde existierten und auch bemalt waren, wissen wir aus den Stadtrechnungen des 15. Jahrhunderts. In der Stadtrechnung von 1451 tauchen mehrfach Ausgaben für die Anfertigung und Bemalung von Tartschen und Schilden auf. Da es sich dabei offensichtlich um städtische Schilde handelte, können wir annehmen, dass sie zur Identifizierung mit dem Stadtwappen bemalt waren. Über die Farbgebung selbst erfahren wir leider nichts. Es bleibt festzuhalten, dass das Stadtwappen einerseits als Erkennungszeichen und andererseits im Stadtsiegel als Beglaubigungszeichen diente und damit die gleichen Funktionen erfüllte wie die Wappen von Landesherren, Bischöfen oder anderen adligen Personen.

Das Wappen und das städtische Siegel waren bis zum Ende des Alten Reiches bzw. bis zur Eingliederung Ratingens in das Großherzogtum Berg im Jahre 1806 in Gebrauch. Danach scheint es kein eigenes städtisches Wappen gegeben zu haben. Die französische Gesetzgebung verbot zunächst allgemein die Führung von Wappen, ehe dann eine heraldische Neuordnung, die vor allem einen systematischen Aufbau von Wappen vorsah, in Kraft trat. Ratingen scheint damals keinen Versuch unternommen zu haben, das alte Stadtwappen wieder genehmigt zu bekommen. Erst nachdem Preußen die Rheinlande im Wiener Kongress endgültig erhalten hat, erfahren wir wieder etwas über das Stadtwappen, wenn auch nur indirekt. Aus einer Kabinettsordre des preußischen Königs vom 22. Dezember 1817 geht hervor, dass er den Städten in den Rheinprovinzen erlaubte, ihre alten Stadtwappen wieder anzunehmen. Vermutlich hat auch Ratingen sein Wappen dann wieder angenommen und geführt.

Erste Überlieferungen haben wir aber erst wieder aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die beiden Elemente - Löwe und Rad - erscheinen nun in einer anderen Anordnung, die sich offensichtlich am Schöffensiegel des 16. Jahrhunderts orientierte: Der Löwe hält das Rad (mal sechs-, mal achtspeichig) in seinen Pranken. Allerdings scheint das Wappen im 19. Jahrhundert im Bewusstsein mehr oder weniger verloren gegangen zu sein - gerade auch bei der Stadtverwaltung. Noch im August 1900 musste Bürgermeister Jansen auf Anfrage der Stadt Elberfeld nach dem Aussehen des Stadtwappens antworten, dass er nur eine Siegelmarke mit dem Wappen übersenden könne und "daß sich in der hiesigen Registratur keine authentische Darstellung des hiesigen Stadtwappens vorfindet". Auch die Farbgebung des Wappens, die sog. Tingierung, war dem Bürgermeister unbekannt.

Erst 1908 kam dann Bewegung in die Wappenfrage. Das Staatsarchiv in Düsseldorf beschrieb das Stadtwappen auf eine Anfrage der Stadt Ratingen im Februar 1908 wie folgt: "Das Ratinger Stadtwappen, wie es uns im Stadtsiegel des 15. Jahrhunderts überliefert ist, zeigt einen (horizontal) quergeteilten Schild, in dessen oberen Felde der wachsende bergische Löwe, im unteren ein fünfspeichiges [!] Rad sichtbar ist. Über die Farben des Wappens ist hier nichts Näheres bekannt, doch ist das obere Feld durch die Verwendung des bergischen Löwen (Rot in Silber) ohne weiteres bestimmt. Für das untere Feld wäre entweder schwarzes Rad in Silber oder silbernes Rad in Rot in Vorschlag zu bringen. (.)" Diese Auskunft des Staatsarchivs war Grundlage für die Anfertigung eines ,neuen' Stadtwappens, die dann am 16. April 1909 von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen wurde. Keinem der Beteiligten, auch nicht dem zuvor noch befragten Prof. Dr. Peter Eschbach, der ein Kenner der Ratinger Stadtgeschichte war, fiel auf, dass dem Staatsarchiv Düsseldorf ein Fehler unterlaufen war: Das auf dem Stadtsiegel des 15. Jahrhunderts abgebildete Rad hatte nicht fünf, sondern sechs Speichen. So wurde der vom Staatsarchiv Düsseldorf empfohlene Künstler Prof. Emil Doepler jun. in Berlin mit der Anfertigung des Ratinger Wappens beauftragt. Sein Entwurf war Grundlage für das Genehmigungsverfahren, das am 24. Dezember 1909 mit der Unterzeichnung durch Kaiser Wilhelm II. endete.

Die über dem Wappen zusätzlich eingeführte dreitürmige Mauerkrone ist heraldisches Beiwerk. Sie gehört eigentlich nicht zum Wappen, hat keine mittelalterlichen Vorbilder, wurde aber vom preußischen Innenminister damals ausdrücklich gefordert. Die Städte wurden durch die Mauerkrone in drei Klassen eingeteilt: Kleinstädte hatten drei Türme, mittlere Städte vier und große Städte fünf Türme.
Dieses Wappen wurde bis 1972 beibehalten. Am 3. Oktober 1972 beschloss der Rat eine Änderung der Hauptsatzung, wozu auch der Paragraph 2 über das Stadtwappen gehörte. Seitdem sieht das Wappen so aus, wie wir es heute kennen. Die überflüssige und heraldisch fragwürdige Mauerkrone wurde wieder entfernt, und das Rad hatte wieder sechs Speichen, wie die mittelalterliche Siegelvorlage ebenfalls zeigt. Das neue Wappen wurde von dem Grafik-Designer Walther Bergmann aus Aachen entworfen.

Schon seit den 1920er-Jahren erfreut sich das Stadtwappen einer großen Beliebtheit, besonders bei heimatverbundenen Bürgern oder Vereinen. Deshalb erhielt die Stadt immer wieder Anfragen von privater Seite, die das Stadtwappen in ihrem Briefkopf führen oder für Zwecke der Öffentlichkeitsarbeit gebrauchen wollen, um dadurch ihre Verbundenheit mit der Stadt Ratingen zu zeigen. Weil solche Anfragen jeweils durch den Hauptausschuss genehmigt werden müssen und für gewerbliche Zwecke auf keinen Fall vorgesehen sind, hat man im März 2000 beschlossen, stilisierte Wappenzeichen bereitzustellen, die von jedermann ohne weitere Genehmigung benutzt werden können.
Sie stehen als Download zur Verfügung (siehe unten) oder können bei der Stadt angefordert werden.

stilisierte Wappenzeichen, die von jedermann ohne weitere Genehmigung benutzt werden können