Kriegsanleihen und Propaganda im Ersten Weltkrieg

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 setzten in allen kriegsbeteiligten Ländern Propagandamaßnahmen ein, die dazu dienen sollten, die Unterstützung an der Heimatfront zu garantieren und den Einzug in den Krieg zu rechtfertigen. Während zu Anfang in Deutschland vor allem auf die nationale Einheit („Burgfrieden“), den Sieg und das Bündnis der Mittelmächte Bezug genommen wurde, musste in den letzten Kriegsjahren das Durchhaltevermögen der „Heimatfront“ gestärkt werden, das unter der Dauer des Krieges, den Entbehrungen und den hohen Verlusten litt.
Die Finanzierung des Krieges wurde vor allem durch sogenannte Kriegsanleihen getragen. Sie waren eine Form von Staatsanleihen zur Deckung der Kriegskosten und boten den Anlegern günstigere Konditionen als in der Friedenszeit an. Das Deutsche Reich legte alle halbe Jahre eine neue Kriegsanleihe auf, insgesamt neun mit einem Gesamtvolumen von 97 Milliarden Mark.
Die Kriegsanleihen sollten nach dem Sieg an die Käufer der Anleihen zurückgezahlt werden – es kam jedoch gänzlich anders. Wie sehr die Realität von der Propaganda abwich, zeigt sich an einem kleinen Bericht aus der „Ratinger Zeitung“ vom 19. Oktober 1918, in welchem kurz vor dem Zusammenbruch die Sicherheit der Kriegsanleihen noch einmal bestätigt wurde. Das mit den deutschen Kriegsanleihen erwirtschaftete Geld ging durch die Niederlage verloren.
Der Erste Weltkrieg war Ratingen besonders nahe, obwohl seine hauptsächlichen Schlachtfelder in Belgien, Frankreich und Osteuropa lagen. Durch den Status als Garnisonsstadt und rund 3.000 einberufene Soldaten war er in der Heimat stets präsent. Zudem wurden auch Nichtbeteiligte an der „Heimatfront“ u.a. durch die bereits erwähnten Kriegsanleihen in den Krieg mit eingebunden.
Deutsche Erfolge veranlassten 1918 einige schulfreie Tage – so unter anderem der 4. März, aufgrund des Friedensvertrages mit Russland (am 3. März 1918 in Brest-Litowsk), sowie am 25. März, aufgrund eines Erfolgs an der französisch-britischen Front (Frühjahrsoffensive in der Picardie am 21. März 1918). Obwohl sich Erfolge in der Frühjahrsoffensive des deutschen Heers einstellten, ist festzuhalten, dass diese keineswegs langanhaltend waren. Der erhoffte Sieg blieb aus. Es gelang den alliierten Truppen immer wieder, ihre aufgebrochene Front zu schließen.
„Aufrichtig bedauert wurde allgemein, daß unser unbesiegtes Heer, das vom Feinde nicht überwunden war, unter solchen Verhältnissen, die unsere wirtschaftliche Lage mit sich brachte, den Rückzug antreten mußte.“
(Schulchronik der evangelischen Volksschule Homberg-Meiersberg, Stadtarchiv Ratingen)
Durch das zahlreiche Eintreffen der amerikanischen Nachschub-Truppen in Frankreich im Sommer 1918 – die Vereinigten Staaten von Amerika traten bereits 1917 in den Krieg ein – waren die Alliierten den Deutschen in Menschen- und Waffenkraft weit überlegen. In der Sommeroffensive der Alliierten (Schlacht bei Amiens vom 8. bis 11. August 1918) gelang es ihnen, die deutschen Truppen zurückzudrängen und die Initiative zu übernehmen.

„Eine ähnlich gehobene Stimmung [wie zu Kriegsbeginn] habe sogar im November 1918‚ beim Durchmarsch unseres zurückkehrenden, aber siegreichen Heeres [durch Ratingen], das mehr als 4 Jahre Deutschlands Grenzen geschützt und die Verwüstung vom heimatlichen Boden ferngehalten‘ habe, geherrscht.“ Anhand dieses Zitates zeigt sich, wie sehr die Propaganda verblendete und die Realität nicht akzeptiert werden wollte. Darüber hinaus findet sich in den Schulchroniken nur wenig zu dem Waffenstillstand oder der Abdankung des Kaisers. Es ist, als sollte die Geschichte getilgt werden, indem nicht darüber gesprochen wurde. Im November 1918 endete der Erste Weltkrieg schließlich abrupt, durch die Aufforderung der Obersten Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff möglichst schnell einen Waffenstillstand herbeizuführen. Meuternde Matrosen lösten von Kiel ausgehend die Revolution aus. Jahrelange realitätsverzerrende Propaganda und die „Dolchstoß-Legende“ haben jedoch letzten Endes zu einem weiteren verheerenden Weltkrieg geführt. Dass sich das Ende des Ersten Weltkriegs 2018 zum 100. Male jährt, sollte eine Mahnung sein, den Frieden weiterhin zu wahren.

© Natascha Lewald, Stadtarchiv Ratingen

Zuständiges Amt

 

Ansprechpartner:
Erik Kleine Vennekate M.A.
Telefon 02102 550-4190
Heiko Knappstein
Telefon 02102 550-4191

Leiterin:
Dr. Erika Münster-Schröer
Telefon 02102 550-4128

E-Mail: stadtarchiv@ratingen.de

Stadtarchiv:
Mülheimer Str. 47
40878 Ratingen

Postanschrift:
Postfach 101740
40837 Ratingen

Stadtplan